Schwarzbuch «Einheit» #4: Othering und Klassenkampf

Die gesellschaftliche Herabsetzung und Verdrängung DDR-Sozialisierter im «vereinigten» Deutschland vs. Das Othering Exil-Ostdeutscher als neuer Klassenkampf im «verlorenen Land»

- Yana Milev

Überarbeiteter Auszug aus dem Band: Entkoppelte Gesellschaft – Ostdeutschland seit 1989/90. Band 3: EXIL, Peter Lang, Berlin, 2020

Das Projekt „Entkoppelte Gesellschaft“ belegt, dass die so genannten Ostdeutschen bereits 30 Jahre, bevor im Westen Tendenzen der Entkopplung und des Abstiegs diskutiert wurden, eine vereinigungsbedingte Kulturkatastrophe zu bewältigen hatten. Diese Kulturkatastrophe wurde mit den Konzepten „Demokratisierung“, „Modernisierung“, „Transformation“ moderiert und beworben, blieb jedoch erwiesenermaßen ein Investmentprojekt „Aufbau Ost“, an dem vorrangig westdeutsche Politiker und Investoren partizipierten, während die einstige Staatsbevölkerung der DDR in einem Sog der kollektiven und regionalen Verwerfung, der Entwertung und der Assimilation verschwunden ist. 

Die im Rahmen der Forschung «Entkoppelte Gesellschaft» ausgeführten Erhebungen belegen, dass es sich um eine 2/3-Mehrheit der Erwerbsbevölkerung in den Neuländern handelt, die bis heute mit den Konsequenzen des Kulturkonflikts und des Exils zu kämpfen haben, was sich u.a. in einer einer Widerständigkeit  – im Othering – manifestiert

1. Othering: Begriffsbestimmung

Der Begriff Othering (von engl. other = „andersartig“ mit der Endung „ing“, um das Substantiv bzw. Adjektiv zu einem handelnden Verb zu machen) beschreibt den sozialen Gebrauch der Distanzierung oder Differenzierung zu anderen Gruppen, um seine eigene „Normalität“ zu bestätigen. Im Deutschen könnte man es transitiv mit jemanden anders(artig) machen bzw. Veranderung übersetzen, um gleichzeitig seine eigene Identifikation als die andere soziale Gruppe hervorzuheben. Der Begriff wurde ursprünglich von Gayatri Spivak[1] geprägt für den Prozess, durch den der imperiale Diskurs die Anderen bzw. das im Machtdiskurs ausgeschlossene Andere kreierte. Othering beschreibt hier den Prozess, sich selbst bzw. sein soziales Image positiv hervorzuheben, indem man einen anderen bzw. etwas anderes negativ brandmarkt und als andersartig, das heißt ‚fremd‘ klassifiziert, sei es wegen der Rasse, der geographischen Lage, der Ethik, der Umwelt oder der Ideologie (Spivak 1990). Othering ist somit ein Akt, sich mit anderen zu vergleichen und zur gleichen Zeit sich von ihnen zu distanzieren, wobei man meint, dass Menschen und Gruppen, deren Leben und historische Erfahrungen von den eigenen abweichen, minderwertig sind. Man befürchtet außerdem, dass sich fremde Einflüsse auf die eigene Kultur ausweiten und sie damit bedrohen könnten.[2] Es besteht beim Othering, aus welchen Gründen auch immer, keine Adaptions- oder Kooperationsbereitschaft mit den „Anderen“. Die Theorie des Othering ist eine migrationssoziologische und postkoloniale Theorie.

 

Im Fall der Exil-Ostdeutschen ist Othering eine direkte kollektive Reaktion auf Ethnisierung, Rassifizierung oder Migrantisierung „der Ostdeutschen“ in der veröffentlichten Meinung seit der „Wiedervereinigung“ sowie auch eine direkte Reaktion auf die Kolonialpolitik der Bundesbehörden, welche eine Bevölkerungsmehrheit physisch-materiell (Treuhandbehörde) und in der Menschenwürde (Aufarbeitungsbehörden, Medien) beschädigte. Weiterhin ist Othering als direkte Antwort auf einen institutionalisierten Ost-West-Konflikt, also auf einen verfestigten Kulturkonflikt zu verstehen, der sich in der Beherrschung und Verwaltung ostdeutscher Institutionen durch Westpersonal aus den ABL oder durch protegierte Aufsteiger darstellt, hier als Transfer-Ostdeutsche und Quoten-Ostdeutsche konzeptualisiert. Othering wird in vorliegender Ausarbeitung als Manifestation des Ost-West-Kulturkonfliktes thematisiert und als aktive Form der Segregation hervorgehoben. Vermittels des Otherings entsteht eine gruppendynamische Stärkung der sich selbst als abgeschoben und diskriminiert erlebten Teilbevölkerung der Exil-Ostdeutschen. Othering als aktive Form der Segregation steht der passiven Form gegenüber, die in der Unsichtbarkeit verschwindet. Die aktuelle Wählerperformance in den neuen Ländern, die sich zum Beispiel für die AfD stark macht, stellt ein Othering der Exil-Ostdeutschen als aktive Form der Segregation dar – und somit als Abwehr gegen eine Politik, die seit 30 Jahren die Neuländer beherrscht und verwaltet. 

2. Othering: „Wir sind ein Volk! Und ihr seid ein anderes“. Kulturkonflikt und symbolische Gewalt

Die Ethnisierung der Exil-Ostdeutschen ist aus der vorliegenden Problematik zunächst gesellschaftspolitisch, kulturpolitisch und rechtspolitisch in Form der Herabsetzung einer in der SBZ/DDR sozialisierten Bevölkerung als Einwanderungsgruppe in die BRD ab 1989/90 und dem damit einhergehenden Ausschluss aus gesellschaftlicher Gleichstellung und politischer Partizipation zu verstehen. Während in den gesellschaftlichen Institutionen Exil-Ostdeutsche u.a. Karrierenachteile aufgrund ihrer Herkunft bzw. wegen ihres Migrationshintergrunds DDR erfahren, befinden Gerichte jedoch, dass Ostdeutsche keine ethnische Gruppe seien, weswegen sie sich nicht auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz berufen können – eine weitläufig gesellschaftlich praktizierte, wenngleich auch informelle Ethnisierung der Ostdeutschen, eine wie oben beschrieben politisch-rassistische Ethnisierung, wenn man bedenkt, in welchem Ausmaß Exil-Ostdeutschen eine rechte bis rechtsextremistische, ausländerfeindliche, demokratieuntaugliche Grundhaltung zugeschrieben wird. Diese Art der politisch-rassistischen Ethnisierung entspricht der Stigmatisierung einer Bevölkerungsgruppe nach Erving Goffman[3].

 

Zudem lässt sich in der Stigmatisierung der Praxis des Othering eine weitere Brandmarkung der Exil-Ostdeutschen als eine von der gesellschaftlichen Norm deviante Gruppe erkennen, also ihre Dämonisierung. Diese so genannte Norm wird nach 1990 mit dem einrückenden Kernstaat ins Beitrittsgebiet von den ebenfalls einrückenden Dominanzdeutschen aus den ABL etabliert. Die gesellschaftliche Praxis der Klassifizierung der hier so genannten Exil-Ostdeutschen als abweichend, während die Dominanzdeutschen ins fremde Kulturgebiet einrückten und hier eine gesellschaftliche Norm festlegten, ist ein eindeutig kulturimperiales Vorgehen der Dominanzkulturträger. Als Antwort darauf manifestiert sich in den letzten Jahren, etwa seit 2014 mit Beginn der Pegida-Veranstaltungen, ein Othering, welches von der Dominanzkultur dämonisiert wird.

 

Aufgrund der Tatbestände wird in der vorliegenden Ausarbeitung eine Ethnisierung der in der SBZ/DDR sozialisierten Ostdeutschen, also der Herkunftsostdeutschen, im Speziellen der hier untersuchten Kohorten zwischen 1945 und 1975 in der SBZ/DDR geborener und sozialisierter Ostdeutscher, die dort bis 1989 oder kurz zuvor gelebt haben, abgelehnt und einer gängigen kulturimperialen Praxis von Dominanzdeutschen, die sich als (Transfer-)Ostdeutsche in den NBL etabliert haben, entgegengewirkt. Zudem wird zur Diskussion gestellt, dass zum Beispiel einzelne Landesbevölkerungen, wie die Sachsen, die Thüringer oder die Brandenburger, als Ethnie gelten und ihre Rechte in Berufung auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz geltend machen können, die (Exil-)Ostdeutschen aber nicht.

 

Des weiteren wird in der vorliegenden Ausarbeitung die These vertreten, dass den zwischen 1945 und 1975 in der SBZ/DDR geborenen und dort sozialisierten Deutschen, die dort bis 1989 oder kurz zuvor gelebt haben, aus ihrer Sozialisationsgeschichte heraus durchaus folgerichtig eine „DDR-Identität“ zugeschrieben werden kann, wie verschiedene, hier aufgeführte Studien bestätigen, weshalb sie als „Mentalitäts- und Wertegemeinschaft(en)“ bezeichnet werden können. Die Bewertung des Sozialwissenschaftlers Thomas Gensicke aus seiner Langzeitstudie (1977 bis 1998) wird in dem vorliegenden Projekt bestätigt: „Trotz der Wandlungsprozesse zu Individualismus, Materialismus und Hedonismus bringen die Ostdeutschen aus ihrer Vergangenheit dennoch eine spezifische soziale Komponente in die Wertesituation der Bundesrepublik ein. Das zeigt sich im Bedürfnis nach sozialer Sicherheit, in der Hochschätzung von Hilfsbereitschaft, Gleichberechtigung und informellen Umgangsformen.“[4] Diese von Gensicke festgestellten Bedürfnisse sowie andere Bedürfnisse und charakteristische mentalitätsbildende Eigenschaften bei einer in der DDR sozialisierten Bevölkerung werden hier ebenso im Begriff des Sozialkapitals nach Pierre Bourdieu zusammengefasst. Bourdieus soziales Kapital umfasst die „Gesamtheit der aktuellen und potenziellen Ressourcen, die mit der Teilhabe am Netz sozialer Beziehungen gegenseitigen Kennens und Anerkennens verbunden sind.“[5] Soziales Kapital basiert Bourdieu zufolge unter anderem auf „herkunftsbedingten Gruppenzugehörigkeiten“[6]. Die herkunftsbedingte Gruppenzugehörigkeit wird in der vorliegenden Ausarbeitung als Mentalitäts- und Wertegemeinschaft(en) bezeichnet und beides als Sozialkapital definiert.

3. Soziale Entkopplung und erinnerungskulturelle Exilierung

Obwohl wiederum nach Robert D. Putnam im Begriff des Sozialkapitals das „making democracy“[7] enthalten ist, haben vor allem viele Ostdeutsche, die sich einer Mentalitäts- und Wertegemeinschaft zugehörig fühlen, die Erfahrung gemacht, dass gerade diese herkunftsbedingte Gruppenzugehörigkeit aufgrund der gemeinsamen Mentalität und Werte ab 1989/90 ethnisiert, negativ konnotiert, stigmatisiert und aus einer demokratischen Kondition, mit Berufung auf Political Correctness, ausgeschlossen, tabuisiert und abgedrängt wurde. „Die DDR-Bürger mussten keine ‚Wende‘ verarbeiten, sondern einen radikalen Systemwechsel als radikalen Bruch in der Arbeitswelt, in der Lebenswelt, in der Wertewelt, in der ökonomischen, sozialen und kulturellen Kapitalausstattung der Subjekte. Was bislang war, galt von heute auf morgen nun nicht mehr. Dies stellte sie vor fast einmalige Anpassungs- und psychologische sowie kulturell-mentale Verarbeitungsleistungen.“[8] Der Wechsel vollzog sich nicht nur von einer staatssozialistischen Gesellschaftsform in eine marktliberale Gesellschaftsform, sondern darüber hinaus in einen strukturellen Kolonialismus, der die anderen Systemkenntnisse der Ostdeutschen radikal ausschließt.

 

Jedoch ist eine seit der Wende zu beobachtende zunehmende „Ostdeutsche Identitätsbildung“[9] genau betrachtet eine Transformationsfigur und „keine verfestigte DDR-Nostalgie“ [10]. Diese Transformationsfigur wird in vorliegender Ausarbeitung als die exil-ostdeutsche Identitätsbildung konzeptualisiert. Sie ist als Transformationsfigur ernst zu nehmen, da sie sich in Reaktion auf einen mehrheitlichen Ausschluss der Exil-Ostdeutschen aus der kapitalistischen Gesellschaft herauskristallisiert hat und gleichzeitig die ostdeutschen Bedürfnisse nach assoziativer Zugehörigkeit, sozialem Bezugsrahmen und Sozialkapital hervorhebt. Genau hier ist die „andere“ Demokratiekompetenz der Ostdeutschen lokalisiert. Diese Sicht bestätigt ebenfalls der Sozialwissenschaftler Gunnar Winkler: „Insbesondere die mentale Teilung der Gesellschaft ist aufgrund der noch existenten unterschiedlichen Lebensverhältnisse ebenso wie seinerzeitiger und heutiger Erwartungen unübersehbar. Es ist auch keine neue Erkenntnis, dass bis in die Gegenwart der Umgang der regierungsamtlichen Politik mit den Ostdeutschen, mit ihren Biografien und Erinnerungen, durch pauschale Be- und Verurteilungen mehr zur Herausbildung einer neuen ‚Ostidentität‘ beigetragen hat, als sie je zu DDR-Zeiten existierte. Was die Frauen und Männer der neuen Länder den Politikern aus dem früheren Bundesgebiet allerdings voraushaben, sind ihr Erleben und ihre Erkenntnisse aus dem Vergleich des Lebens in zwei Systemen mit ihren jeweiligen Nach- und Vorteilen.“[11] 

 

Die DDR-sozialisierten Exil-Ostdeutschen haben die «Einheit» durchaus mit einem positiven Elan angestrebt und sich mehrheitlich einem radikalen Systemwechsel gestellt. Jedoch sind die Bilanzen nach drei Dekaden unbefriedigend, da die meisten Exil-Ostdeutschen feststellen mussten, dass der Dialog über ihre Beteiligung an der Um- und Neugestaltung in der Gesellschaft und ihr Beitrag in den neuen Institutionen nicht erwünscht war, stattdessen vielmehr Herabsetzung und Ausschluss Exil-Ostdeutscher aus Entscheidungen und Aufstiegschancen die Konsequenz ist. 

 

Die Enttäuschung über die neue Demokratie ist groß, bedenkt man, dass die Demokratie als Staatsform, als Grundwert im Osten seit 1990 eine Zustimmung von rund 80 Prozent der Bevölkerung erhielt. Jedoch hatten Ostdeutsche ebenfalls eine Vorstellung von Demokratie, zumindest auch davon, dass sie als Mentalitäts- und Wertegemeinschaft mit ihren komplexen Erfahrungen und Kompetenzen gesellschaftlich willkommen sind.

 

Der Auftrag dieser Ausarbeitung besteht darin, die Nazizuschreibungen auf Exil-Ostdeutsche aufzuheben und nachzuweisen, dass NSU, Pegida und prosperierende AfD-Wahlergebnisse von 2017 und 2019 nur bedingt so genannte Spätfolgen der „Sozialisation in der SED-Diktatur“ sind – oder, wie mehrheitlich aus Westsicht behauptet wird, „ein nicht- aufgearbeitetes Nazi-, Antisemitismus- und Faschismusproblem, das im Osten schon immer stärker ausgeprägt war als im Westen“, was eine Dämonisierung des Ostens darstellt. Sie sind vielmehr Widerstandssymptome in Folge von Ausschluss und systematischer Desintegration Ostdeutscher aus dem „Aufbau Ost“ sowie Folgesymptome einer verfestigten Armut in den Neuländern und eines herrschenden Kulturkolonialismus, der sich in einem verfestigten Kulturkonflikt Ost-West manifestiert.

 

Der Ausschluss aus der Gleichbehandlung in der einrückenden kulturdominanten Normgesellschaft verbindet sich jedoch mit einer weitaus empfindlicheren Diagnose: nämlich der Tabuisierung von lebendiger Erinnerungskultur aus dem Herkunftsland, wie auch der Nihilierung einer Herkunfstidentität in der DDR.

 

„Wir sind ein Volk! Und ihr seid ein anderes“, Berlin Prenzlauer Berg, 2009.                                                     Plakataktion anlässlich des 20. Jahrestages der Grenzöffnung am 9. November 1989 im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg.


4. Die Exil-Ostdeutschen – eine neue Klasse im «verlorenen Land»

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Exil-Ostdeutschen eine neue Klasse „Exil“ repräsentieren, die mit der „Vereinigung“ erst hergestellt wurde. Diese Klasse ist durchmischt aus Repräsentanten aller Schichten sowie aller Herkunfts- und Erwerbsbiografien. Zu ihnen zählen Akademiker, Künstler, Kulturschaffende oder Ärzte genauso wie Facharbeiter aus allen nicht-akademischen Berufen, so u.a. Lehrer, Verlagsarbeiter, Industriefacharbeiter, Bauern.

 

In der Biografienentwertungsstudie des Projektes „Entkoppelte Gesellschaft“ wird von einer heute (30 Jahre nach der „Vereinigung“) existierenden Kohorte der partiell bis total Betroffenen gesprochen, deren Probanden den Geburtsjahrgängen 1945 bis 1975 zuzuordnen sind, also DDR-sozialisierte Ostdeutsche, die bis zur Wende in der DDR verblieben und mit der „Vereinigung“ eine partielle bis totale Exil-Erfahrung (Ungleichbehandlung, Unrechtbehandlung) machen mussten. 

 

Darüber hinaus weisen auch die Jüngeren, die Nachwendegeneration, deren Eltern und deren kollektives Umfeld bis heute an den Folgen aus Ungleich- und Unrechtbehandlung leiden, Symptome der neuen Klasse auf. Die Symptome und Betroffenheiten setzen sich demnach in der Nachwende-Generation Ost fort, wie in den weiter unten betrachteten aktuellen Umfragen und Studien der OBS, der FES und des Allensbach-Instituts evident wird. 

 

Das Wachstum dieser Klasse der Exil-Ostdeutschen ist exponentiell steigend – einmal proportional zur gesellschaftlichen Leugnung der Tatbestände (veröffentlichte Meinung, Instituitionen) und einmal proportional zu ihrer weiteren (demokratischen) Herabsetzung. Es sind demnach unter den Ostdeutschen immer mehr Menschen und auch Jüngere der „Klasse Exil“ zuzurechnen. Dies verweist auf das gleiche Phänomen der epigenetischen Trauma-Weitergabe wie bei Kriegskindern und Nachkriegskindern, bei denen das Trauma nicht behandelt wurde. 

Grafik © Yana Milev, 2020
Grafik © Yana Milev, 2020

 

Für die Forschung ist in diesem Zusammenhang neu, dass die „Klasse Exil“, die im Osten Deutschlands hergestellt wurde, inzwischen aber auch im Westen Deutschlands angekommen ist. Die Analysen des Soziologen Oliver Nachtwey (2016) und der Soziologin Cornelia Koppetsch (2019) bestätigen dies.

 

Die Zahl der partiell bis total betroffenen Exil-Ostdeutschen beläuft sich aktuell gemäss der EG-Studie auf 8 bis 10 Millionen Menschen, Tendenz exponentiell steigend, also auf eine 2/3-Mehrheit der Gesamtbevölkerung in den NBL (Ostdeutschland), einschließlich der prozentual betroffenen „Wendekinder“. Die Symptome verhärten sich entsprechend dem Exklusionszirkel als Migrations- und Kulturkonflikt in der eigenen Gesellschaft.

 

Obwohl es sich um eine Bevölkerungsmehrheit handelt, weist sie die größte Unsichtbarkeit in Form von Segregation und Exil auf. Eine neue Sichtbarkeit verschaffen sich Exil-Ostdeutsche seit etwa 2014 als Pegida-Demonstranten oder als AfD-Wählerschaft. 

Diese Tatsachen werden jedoch seit 2015 in einer erneuten Diskriminierungs- und Inferiorisierungswelle der Ostdeutschen als „Rechte“ durch die „Demokratie aus der Mitte“ abgewehrt. Je mehr eine herrschende Demokratie und ihr normativer Populismus die Ursachen für den demokratischen Widerstand im Osten abwehrt, diskreditiert und nihiliert, desto exponentieller ist das Wachstum der Gegner der „liberalen Demokratie“.

Dass „alle Deutschen“ nach 1990 in der besten aller Demokratien leben, ist und bleibt ein Mythos, der umso aggressiver verteidigt wird – aus der demokratischen Mitte heraus – je mehr er – vor allem im Osten – in Frage gestellt wird. Dies wird in der amerikanischen Literatur „agonistic Democracy“ genannt, eine um die Hegemonie streitende Demokratie, der inzwischen jedes Mittel des Machiavellismus recht ist – nur um Recht zu behalten. Dass der Widerstand der „marktliberalen Demokratie“ in den NBL wächst, bestätigen die in dieser Schrift vorgestellten fünf Studien allein aus dem Jahr 2019.

5. Gibt es eine Zukunft der Gleichbehandlung und des Wohlstands für DDR-Sozialisierte in Ostdeutschland?

Das soziologische Laboratorium im Osten gilt inzwischen als abgeschlossen. Nach dem Survey von „Prognos“ 2019 wie auch anderen Zukunftsmonitorings und -surveys ist erwiesen, dass nach den „Feldzügen“ der Treuhand, nach den Menschenverlusten in den Regionen und nach „der größten Vernichtung des Produktivvermögens nach dem 2. WK“[12] in den nächsten 20 bis 30 Jahren in den Regionen der Neuländer keine Wohlstandskonjunktur zu erwarten ist [13]. Die „Demokratisierung“ im Beitrittsgebiet ist ab 1990 beispiellos und auch nur bedingt mit den Folgen der „Demokratisierung“ in den anderen Ostblockländern vergleichbar. Das Projekt „Entkoppelte Gesellschaft“ dient der Aufklärung eben dieses mittlerweile als abgeschlossen geltenden soziologischen Laboratoriums in Ostdeutschland sowie der Vertiefung des bereits in den 1990er Jahren angelegten Ost-West-Konflikts, der sich inzwischen zum Klassenkonflikt ausgeweitet hat.

 

Bis heute sind in der DDR sozialisierte „Ostdeutsche“, jene Exil-Ostdeutschen, wie sie in der empirischen Studie der Forschung „Entkoppelte Gesellschaft“ in zwei Generationen (1945 bis 1975) untersucht werden (siehe Tabelle 1), aus einem demokratischen Dialog Ost-West ausgeschlossen, was u.a. in der konkreten Gesetzeslage ab 1990, die einer Ungleichbehandlung stattgibt, seine Ursache hat. Diese Exil-Ostdeutschen sind heute (2020) zwischen 75 und 44 Jahre alt. Entsprechend der in dieser Forschung vorgestellten Untersuchungen zur intergenerativen und epigentischen Traumübertragung, werden die kollektiven traumatischen Erfahrungen der Beobachtungsgruppe noch weitere Generationen nachwirken.

 

Perspektivisch kann der besprochene Kulturkonflikt Ost-West erst dann aufgelöst werden, wenn er zunächst anerkannt wird. Der Anerkennung dieses Kulturkonflikts geht nicht nur die Anerkennung sowohl der doppelten Lebensleistung von Exil-Ostdeutschen voraus (wie auch die Anerkennung ihrer traumatischen Erfahrungen, die von Wolfgang Zapf als kriegsähnliche und kriegsgleiche Beschädigungen charakterisiert wurden), sondern auch die Anerkennung der DDR, die sich als gleichberechtigte staatliche Entität ebenso wie die BRD aus den Folgen des von Deutschland verursachten Zweiten Weltkrieges entwickelte. Hierzu zählt die Aufhebung einer eindimensionalen polarisierenden Ideologie, oder Political Correctness, die binär zwischen Rechtsstaat da – Unrechtsstaat dort, Demokratie da – Diktatur dort, Freiheit da – Unfreiheit dort usw. hin und her oszilliert. Dieser binären Oszillation ist die kulturkoloniale Attitüde immanent, die automatisch entwertend oder therapeutisch in das gesellschaftliche Gefüge der Teilgesellschaft des Ostens eingreift. 

 

Eine Entschädigung von Wendeunrecht kann nur auf dieser Basis der Anerkennung der komplementären gesellschaftlichen Entwicklung der Teilgesellschaft des Ostens erfolgen wie auch auf der Basis des Eingeständnisses von Fehlern, die von der seit 1990 herrschenden Unions-Regierungspolitik mit ihren Protagonisten, u.a. Kohl, Schäuble, Waigel und Breuel, auch de Maizière, Birthler, Gauck und Merkel, gemacht wurden. 

 

Perspektivisch gesehen sollte den jüngeren Exil-Ostdeutschen, die heute zwischen 45 und 55 Jahre alt sind, die Chance auf eine späte Karriere ermöglicht werden, was durch eine neue Gesetzgebung im Kontext von Gleichstellung geregelt werden kann.

Ebenfalls bleibt zu überlegen, inwiefern eine Überarbeitung einiger Artikel des Einigungsvertrags von 1990, der aufgrund seiner Artikel einen Enteignungsvertrag für die Mehrheit der DDR-sozialisierten Ostdeutschen darstellt, auf der Grundlage ordentlicher Fraktionsanfragen im Bundestag beschlossen werden kann. Darüber hinaus sollte die Gesetzeskraft (mit etwa 35 verfassten Gesetzen), die ab 1990 mit dem Kernstaat in das Beitrittsgebiet einrückte, dringend einer Revision unterzogen werden, an der auch DDR-sozialisierte Juristen und Richter beteiligt sein sollten, damit eine Gleichbehandlung der Exil-Ostdeutschen vor dem Gesetz besser umsetzbar wird.

Prinzipiell verweist die hier vorliegende Ausarbeitung auf einen notwendigen Bruch mit den herkömmlichen Narrativen der öffentlichen Medien und Behörden und fordert einen Paradigmenwechsel in der politischen Bildung ein, der auf eine gleichwertige Anerkennung ostdeutschen Geschichtsbewusstseins und ostdeutschen Erfahrungswissens insistiert. 

 

Die Ursachen, die in den letzten 30 Jahren zu einer nachweislich aktuellen Ost-West-Spaltung in der deutschen Gesellschaft führten, können unmöglich noch als Folge des „SED-Regimes“ erklärt werden. Die Ursachen für die Spaltung der deutschen Gesellschaft nach der „Wiedervereinigung“ liegen in der Totalität der herrschenden „marktliberalen Demokratie“, die andere Demokratieformen (z.B. das Modell der paternalen Demokratie/ Versorgungsdemokratie in der DDR) totalitär ausschließt, sowie in einem normativen Populismus der „marktliberalen Mitte“ und seinen Folgen: den Demokratiedefekten.

 

Die Suprematie der marktliberalen Demokratie ordnet ein „verordnetes Vergessen“ an, das andere Gesellschaftsordnungen und deren kulturelles Erbe ausschließt. So wird die Entwicklung einer Arbeiterkultur, einer polytechnischen Kultur oder einer Planungskultur in der DDR bis heute von einer Mitte-Politik dämonisiert und mittels bundespolitischer Bildungsaufträge nachhaltig nihiliert. Wenn wir vollumfänglich und im Ausmaß der realen deutschen Schuld an dem Zweiten Weltkrieg einem Holocaustgedenken entsprechen wollen, müsste dieses mindestens 40 Millionen Opfer akzeptieren – und nicht etwa 6 Millionen. In der DDR war das Gedenken an den Vernichtungskrieg in der Sowjetunion (Unternehmen Barbarossa) in Film, Literatur und Kultur unvergleichlich breiter angelegt. Inzwischen ist eine Opferzahl von 28 Millionen auf sowjetischer Seite, die durch den Rassen- und Vernichtungskrieg ums Leben kamen, offiziell statthaft, aber bei weitem nicht akzeptiert. Auch hier wurde das Gedenkverhalten (vgl. verordnetes Vergessen) des Westens auf die Neuländer restlos übertragen – die Russen sind inzwischen an den Rand gedrängte, verfemte „Sieger“, die wie Besatzer von 1945 behandelt werden. Den Amerikanern hätten wir nicht nur das Kriegsende zu verdanken, sondern sogar die Einheit, wie wir am 3. Oktober 2018 von Bundesaußenminister Heiko Maas [14] erfahren durften. (Bis dahin soll es einen Mann namens Michail Gorbatschow gegeben haben, dem Deutschland regelmässig anlässlich der Vereinigungsjubiläen dankte. Aber Deutschland ist auch nicht mit dem so genannten Zwei-plus-Vier-Vertrag souverän geworden. In diesem Sinne sind die schnellen erinnerungskulturellen Wenden der Bundesregierung auch nicht verwunderlich.) 

 

Wenn wir nach einer Zukunft der Demokratie fragen, muss die Deutungshoheit über DDR-Geschichte und -Biografien den Eignern zurückgegeben werden. Es gibt keine gemeinsame Erinnerungskultur aller Deutschen, sofern sie in den verschiedenen Teilstaaten sozialisiert wurden und dort lebten. Das Recht auf selbstverwaltete Erinnerungs- und Erzählkultur im Osten darf nicht weiter mit Amnesie verdrängt werden. Bekanntlich hat ein „Verordnetes Vergessen“ Geschichtsvergessenheit zur Folge. Ein Fortgang deutscher Geschichte ist nicht ohne die Inklusion der „ostdeutschen Kondition“ und auch nicht mehr ohne die Aufarbeitung von vereinigungsbedingten Traumafolgen möglich. Sowohl das gesellschaftliche Leben in der DDR als auch der vereinigungsbedingte Gesellschaftszusammenbruch und seine demografischen Folgen müssen verarbeitet werden. Auch wenn sich die statistischen Daten immer mehr angleichen, hat sich die kulturelle Verschiedenheit von Ost und West in einen Kulturkonflikt ausgeweitet und verfestigt.

 

Der Systemfehler liegt in der Suprematie einer „marktliberalen Demokratie“, einer exklusiven Demokratie, die bis heute die „ostdeutsche Kondition“ exkludiert (anstatt inkludiert) und mit einem normativen Populismus zu beseitigen sucht. Die Folgen davon sind erhebliche Demokratiedefekte [15] in der Gesellschaft, die zu schweren Verheerungen in den Neuländern geführt haben. Mit den Forschungsbänden „Entkoppelte Gesellschaft“ wird eine bisher fällige komplexe und systematische Aufarbeitung vorgestellt.


Literatur:

[1]Vgl. Gayatri Spivak, Can the Subaltern Speak? in: Cary Nelson & Lawrence Grossberg (Hgg.), Marxism and the Interpretation of Culture, University of Illinois Press, Chicago, 1988.Vgl. Gayatri Spivak, In Other Worlds: Essay in Cultural Politics, Routledge, 1990.

 

[2] Vgl. Das Kulturglossar, In: www.kulturglossar.de/html/o-begriffe.html, Stand vom 10. Januar 2020.

 

[3] Erving Goffman, Stigma, …a.a.O.

 

[4] Thomas Gensicke, Mentalitätsentwicklungen im Osten Deutschlands, …a.a.O., S. 61.

 

[5] Pierre Bourdieu, Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in: Reinhard Kreckel (Hg.), Soziale Ungleichheiten, [Soziale Welt Sonderband 2], [Originalbeitrag, übers. v. Reinhard Kreckel], Otto Schwartz, Göttingen 1983, S. 183-198.

 

[6] Sebastian Braun, Soziales Kapital, sozialer Zusammenhalt und soziale Ungleichheit, bpb, 15. Juli 2002, In: www.bpb.de/apuz/26805/soziales-kapital-sozialer-zusammenhalt-und-soziale-ungleichheit?p=all, Stand vom 20. März 2018.

 

[7] Robert D. Putnam, Making Democracy Work: Civic Traditions in Modern Italy, Princeton, New Jersey 1993.

 

[8] Rolf Reißig, Die Ostdeutschen, …a.a.O., S. 52.

 

[9] Ebd., S. 66.

 

[10] Ebd.

 

[11] Gunnar Winkler, Friedliche Revolution und deutsche Vereinigung 1989 bis 2016, Sozialwissenschaftliches Forschungszentrum Berlin-Brandenburg, Berlin, 2017, S. 13, In: www.sfz-ev.de/index_htm_files/Buch_GW_2017.pdf, Stand vom 8. April 2018.

 

[12] Rosemarie Will, Sven Lüders im Gespräch mit Christa Luft, „Die größte Vernichtung von Produktiveigentum in Friedenszeiten!“, in: Humanistische Union, 22.11.2018, In: www.humanistische-union.de/nc/publikationen/vorgaenge/online_artikel/online_artikel_detail/back/vorgaenge-224/article/die-groesste-vernichtung-von-produktiveigentum-in-friedenszeiten/, Stand vom 10. Februar 2020.

 

[13] Prognos Zukunftsatlas 2019, In: www.prognos.com/publikationen/zukunftsatlas-r-regionen/zukunftsatlas-2019/, Stand vom 10. Februar 2020.

 

[14]  Rede von Außenminister Heiko Maas bei der Eröffnung des Deutschlandjahres in den USA, Auswärtiges Amt, 3.10.2018, In: www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/maas-erroeffnung-deutschlandjahr/2143902, Stand vom 10. Februar 2020

 

[15] Vgl. Yana Milev, Demokratiedefekte. Ein Essay zum normativen Populismus, Agenda, Münster, 2019.    

 

Zitierweise: 

Yana Milev, Othering und Klassenkampf, in: Yana Milev Online Blog, https://www.yanamilev.ch/schwarzbuch-einheit-4-othering-und-klassenkampf/, 12. Mai 2021.


Yana Milev ist Soziologin, Ethnografin und Aktivistin. 2017 gründete sie den Think Tank

„AGIO | Gesellschaftsanalyse + Politische Bildung“. Sie ist Initiatorin und Leiterin des

Forschungsprojekts „Entkoppelte Gesellschaft. Ostdeutschland seit 1989/90“, dass ab 2018

sukzessive in neun Bänden von Peter Lang Internationaler Wissenschaftsverlag publiziert

wird.

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