Prekärsein in der Symptomgesellschaft

Zur Prekarisierung der Wahrnehmung durch mediokratische Operationen

„Wer nach der Lage des Menschen fragt, findet Überforderungen auf der einen Seite, Überschüsse auf der anderen – und nichts garantiert, dass das eine und das andere wie Problem und Lösung zueinander passen.“ [1]

 


1. Operation Dauerkrise

Kaum ein anderer Begriff wird zur Zeit mehr strapaziert und zugleich mehr missbraucht als der Begriff der Krise. Als Medienfaktor hat der Einsatz des Begriffs der Krise Hochkonjunktur, bei gleichzeitiger phänomenologischer Verwässerung und epistemologischer Fragwürdigkeit, denn: Was ist Krise? – Der Begriff der Krise wölbt sich über dubiose Ereignisse und Machenschaften auf Finanzmärkten, über lobbyistische Deals zwischen Staats- und Marktwirtschaft, zwischen Wirtschaftskriegen und Globalisierungsmandaten, zwischen Medienimperien und Rüstungskartellen. Der medialisierte Begriff der Krise produziert insgesamt ein Medienpublikum der Sprachlosigkeit in Anbetracht der Ereignisse. Seit wann ist ein Publikum nicht mehr imstande zu begreifen, was wie eine Naturkatastrophe durch die Medienwelten fegt und zugleich durch die limbischen Systeme der an sie angeschlossenen Event-, Begriffs- und Bildkonsumenten? Die Wahrheit ist: Krisen sind Emergencies – neue urbane Katastrophendisplays, im Topdesign mediokratischer Operationen

 

Seit der Millenniumswende etwa ballen sich unter einem unaufhaltsamen Druck rasant neue Gebirgsketten zusammen, tektonische Formationen schwingen sich in medienalpine Höhen und verändern das Klima in der vormaligen Ebene der Überlebenden des Kalten Krieges.

Zuerst entstand das Gebirgsmassiv des Antiterrorkrieges, genannt „Protecting the Homeland“, das sich immer noch in einer fulminanten Ausformung befindet, gestützt vom Massiv der „Patriot Acts I-IX“ und dem neu gegründeten „Heimatschutzministerium“. Darauf folgen die Emergenzen der Medienkatastrophen „Rinderwahn“ (2005), „Vogelgrippe“ (2005) und „Schweinegrippe“ (2009) [2], daran schließt das Gebirgsmassiv „Überwachungsstaat“ an, gestützt durch neue „BKA-Gesetze“, die freie Kriminalisierung zum Schutze des Staates erlauben, auch hier sind die Ausformungen des Massivs weiterhin voll im Gange, neue RFID-Produkte in Ship- oder Puderform sind in dieser Gebirgsgegend eine heiße Ware, bleiben aber weitestgehend im Verborgenen (wir sind hierbei weiterhin auf die Ermittlungen vom CCC und vom Internet-Mem Zensursula angewiesen). Daran schließt die Emergenz des medienalpine Massivs der „Finanzkatastrophe“ an, beginnend mit dem Plateau „Schwarzer Montag“ am 15. September 2008, parallel dazu der das Massiv überziehende Grat: „Managergehälter und Bonitäten bleiben unangetastet“ – während die erste Bank, die UBS in den USA von sich reden macht. Dieses Gerede soll folgenschwere Beben im mediokratischen Katastrophengebirge auslösen, das sich, wie einst das Erbeben von Lissabon, überregional ausweitet. 

 

Beginnen wir beim „Schwarzen Montag“. Dieser hat uns dreierlei neue Erkenntnisse beschert: 

1.) der Dow Jones erlitt an nur einem Tag des Jahres 2008 einen drastischeren Kollaps als 2001, aufgrund der Ereignisse von 9/11.

2.) die sensationelle Zustimmung eines 1. Bankenrettungspaketes von 700 Milliarden Dollar. Diese Summe entspricht quasi exakt den bis dahin ausgegebenen Kriegskosten im Antiterrorkrieg.

3.) der Aufstieg des Kunstmarktes als ernstzunehmende Konkurrentin zu Finanz-, Immobilien-, Rohstoff-, Rüstungs- , etc. Märkte, denn die Ereignisse vom Montag den 15. September 2008 gingen also nicht nur als „Schwarzer Montag“ in die Geschichte ein, sondern als besondere Koinzidenz zwischen Kapitalnotstand auf den Finanzmärkten und Kapitalkonjunktur auf den Kunstmärkten. Zeitgleich mit den Milliardenverlusten an der Wall Street und dem Finanzmarkt-Kollaps generierte der britische Künstler Damien Hirst am selben Tag bei Sotheby’s einen knappen 100-Millionen-Gewinn. Daraus folgt ein neues Verhalten der Kapitalklientel, die inmitten der Emergencies flexibel geworden ist und neuerdings Voten auf Kunstwerke setzt, da sie sich hier mehr Sicherheit ihrer Investition versprechen, als in Pfand- und Bankbriefe. Denn wer hier auf die richtigen Pferde setzt, d.h. auf das richtige Gespann der Lobbys aus Galeristen, Creative-Scouts, Kuratoren, Investoren usw., ist heutzutage sicherlich gut beraten.

 

Deutschland 2009 und 2010. Die weiter geschnürten „Rettungspakete“ in der Höhe mehrerer Hundert Milliarden, erst für die Real Estate, dann für Opel, dann für einen unausgesprochenen Krieg am Hindukusch, dann für Griechenland, dem ersten PIG-Staat, der unter den Richter-Hammer neuerer Schurkenstaatenpolitik fällt, fördert ein gigantisches medienalpines Gletschermassiv zutage. Darüber tobt eine ultimativ neue Großwetterlage aus Tsunamis, Vulkanaschewolken und Erderwärmung. In den Ebenen wird das Massiv ausgehöhlt durch die Eruption von Megacities, täglich wachsenden Slumgürteln weltweit und einer Weltbevölkerungsexplosion mit einem täglichen Bevölkerungszuwachs von 227.030 Menschen, laut Weltbevölkerungsuhr. Die Ufer der Menschenfabriken sind umsäumt mit Tonnen [3] strömenden Öls. Havarien, Epidemien, Hysterien – die Welt ist im Umbruch. Indes singt sich Hansi Hinterseer zu den besten Sendezeiten fröhlich durchs deutsche Fernsehpublikum, während Peter Sloterdijk den Tugendstaat [4] ausruft, Dirk Baecker den Spekulanten zum Anarchisten der Gegenwart [5] erklärt und ein vor seiner eigenen Courage erschrockener Bundespräsident [6] mit dem Argument des Journalismusprotests fluchtartig das Amt verlässt.

 

Sloterdijks Vorschlag wiederum wird fehlinterpretiert und bewusst missverstanden, weil er an einen Zeitgeist appelliert, der ganz offenbar jenseits von Tugenden und ähnlichen musealen Humanbeständen zirkuliert. Die Message verfehlt die Liga der Adressaten der wenigen Wohlhabenden und Mächtigen, die sich weder als Kriminelle, noch als Tugendhafte oder gar Anarchisten angesprochen fühlen, und hat erst recht keinen Einfluss auf ihre binären Trivialgemüter, deren Phantasien zwischen Vormacht und Allmacht, Exekution und Exklusivität hin und her oszillieren. Die Performances des Geschäftemachens und der Erfindergeist der Märkte kennen keine Grenzen und treiben Blüten. Anonyme „Killerwolken“ fressen sich nicht nur durch die globale Atmosphäre, sondern bitten vor allem die Versicherungsgesellschaften der Luftfahrtgesellschaften und Luftfahrtgäste zur Kasse. In Form eines in allen Aggregatszuständen vorfindbaren mediokratischen Neoliberalismus, werden unauffällig und massenwirksam soziale, psychische und mentale Habitate ebenfalls zur Kasse gebeten. Bereits in „Luftbeben“ [7] spricht Sloterdijk von dem symbiotischen Phänomen aus Militarisierung und Industrialisierung der Gesellschaft, von den Killerwolken im Gaskrieg 1915. Das Merkblatt für Frontaktivisten, welches „jedem Offizier, Unteroffizier und Mann der vorderen Linie“ [8] ausgehändigt wurde, beinhaltet eine Überlebensanweisung – dem Einsatz der Maske. Die Ausweitung des mediokratischen Paradigmas auf sämtliche Lebensbereiche, gleichsam anonymer Killerwolken, verläuft reziprok zu einer Ausweitung der Prekarität in urbanen Randgebieten. Da 2010 bereist mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten lebt, ist dieses Resultat erheblich. Der Survival Kit globalisierender Unternehmen besteht ebenfalls aus Masken – aus Doppelstrategien und Designrhetoriken. Jedoch fragt man sich besorgt, welcher Art der Survival Kit, der in die Prekarität gezwungenen Menschen und Wesen, wohl sein mag? Und was macht das Publikum einer Guckgemeinschaft, dass sich vor medialen Gaswolken und Torpedos, die allesamt mit Decknamen von Undercover Agenten daherkommen, wie „Top Kill“ [9] und „Static Kill“ [10], „Cell Cept“ [11] und „FFF“[12], „Fritzl“ [13] und „Axolotl“ [14], „Tina“ [15] und „Lena“ [16], „Elena“ [17] und „Yasmin“ [18], Lynndie“ [19] und „Naomi“ [20], „Lothar“ [21], „Kyrill“ [22] und „Katrina“ [23], usw. in Sicherheit bringen muss? In Zeiten, wo sich Unternehmen und Einzelakteure zur Legalisierung ihrer Mandate auf Artikel der Menschenrechtskonvention stützen, muss der Fokus auf autogene, klandestine und mikropolitische Überlebens- und Resilienztechniken gesetzt werden. 

 

Die Zauberformel, mit der überhaupt die Emergenz eines medienalpinen Katastrophenmassiv in diesem Ausmaß in Gang gebracht werden konnte, heißt: inszenierter Notstand, Produktion rechtsfreier Räume, korrumpierter Ausnahmezustand. In der Ära der politischen Moderne noch ein Staatsprivileg, jetzt, im Emergency Empire [24], ein Wirtschafts- und Bankenprivileg – von Menschenprivilegien, oder Menschenrechten soll an dieser Stelle ganz abgesehen werden –, lässt sich der AZ, ein juridisches Verdikt, nunmehr käuflich erwerben und qua Kaufkraft legitimieren. Globalisierende Unternehmen sind die Subjekte jener Mandate. Der AZ funktioniert in der Wirtschaftswelt wie Dynamit bei Sprengung eines Stollens zur Freilegung fossiler Rohstoffe und revolutioniert die Marktpolitiken. Feuerwalzen, Flammenmeere und Flutwellen sind dabei behilflich.

 

Seitdem neuerdings also nicht mehr nur der Staatsnotstand – wie in der politischen Moderne noch üblich –, sondern auch der Bankennotstand bzw. der Kapitalnotstand die Ursache für partielle oder totale Ausnahmezustände, für neue rechtsfreie Räume ist, haben sich die Geschäfte der Global Governance und daran anschließender Katastrophenmärkte etabliert. In Anbetracht dieser besagten Ereignisse also, der plötzlichen Ausformung eines mediokratischen Katastrophenmassivs inmitten urbaner Zonen, sollte unbedingt von einem verketteten Katastrophendynamik gesprochen werden und nicht von Krise.

 

Der interessanten, wie auch abartigen Realität dieser Tage Rechnung tragend, nämlich einer mediokratischen Verkehrung von phänomenologischen Größen, wie Katastrophe einerseits und Krise andererseits, soll am Ende dieses Präludiums folgende Konklusion stehen: Todays Emergencies sind medialisierte Kulturkatastrophen, durch Kulturindustrien verursacht, wie bereits bei Benjamin u.a. im Kunstwerkaufsatz formuliert; sind Simulationen, wie in Jean Beaudrillards Anti-Medientheorie formuliert, sind Liturgisierungen und Ikonografisierungen der Massenmedien, wie in Boris Groys’ und Peter Weibels Projekt „Medium Religion“ formuliert, sind Design Blasts, die, Naturkatastrophen gleich, Sozialorgane neutralisieren. Der medienstrapazierte Begriff der Krise [25] ist leider nur ein Euphemismus, ein Design Blast, der über die Doppelstrategien des politischen Ökonomiedesigns und über die katastrophenkapitalistischen Axiome aktueller Kriegsführung, hinwegtäuscht. Es bleiben in der Tat am Ende dieses Vorspanns die Fragen: Wessen Kriseninszenierung? 

Der für diese Einleitung gewählte Titel Operation Dauerkrise kann auch im prekären Sinne mit dem Begriff Operation Dauerkontingenz [26] übersetzt werden – der mediokratischen Dauerinszenierung von Unsicherheit und Krise. 

2. Mediokratie und Wahrnehmungsordnungen

Wenn wir heute über Mediokratie sprechen wollen, kommen wir nicht umhin, über das Thema des Krieges, des Ausnahmezustands, der Souveränität und der Rolle der Medien darin zu sprechen. Mediokratische Operationen sind nicht nur Propagandamittel, sondern Regierungsmittel in einem Krieg der Governancen. Wenn wir also über die Kriegsordnungen von Governancen sprechen wollen, sind wir dazu angehalten über Medienordnungen zu sprechen und deren Auswirkungen auf Wahrnehmungsordnungen. „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“ [27]. Dieser allerseits bekannte Ausspruch Carl Schmitts hat heute nicht nur eine ungebrochene Gültigkeit für Diskurs und für Globalisierungspraktiken, sondern er hat sich transformiert in ein neues mediales Stadium seiner uneingeschränkten Anwendung: Die Herstellung von Ausnahmezuständen ist ohne False Flag Media Operations, ohne mediale Feindbildproduktionen und ohne Live Time Entertainment nahezu unmöglich geworden. (fig. 1 – fig. 3)

In meinem Buch Emergency Empire [28] habe ich diesen totalen Umschlag von Konditionen des souveränen Regierens zu Konditionen des post-souveränen Regieren, also des privatisierten Regierens, als post-souveräne Liberalisierung der Gewalten bezeichnet. Das Freiwerden von souveränen Kontrollen für ihre Käuflichkeit und Privatisierung hat ebenso die Gewaltenmonopole ausgehöhlt. Vormals noch Garant und Merkmal souveräner Nationalstaatlichkeit, sind es jetzt Agencies, Corporations und Lobbys, die sich einer Inhaberschaft von Gewalten versichern. Legalität und Legitimität, jene Elemente souveräner Jurisprudenz, sind dank totaler Liberalisierung für jeden käuflich, der es sich leisten kann. Hierzu gehört die Mediengewalt, die im Kontext der liberalen Theorie der Presse bereits schon im 19. Jahrhundert als „Vierte Gewalt“ [29] bezeichnet wurde. Die auf Charles de Montesquieu zurückgehende Gewaltentrennung in die drei staatstragenden Gewalten (Legislative, Judikative, Exekutive) wurde im Verlauf des 19. Jh. also nicht nur um die vierte Gewalt der Presse und Medien, der Mediengewalt, oder auch Mediokratie [30], wie sie Thomas Meyer definiert, erweitert, sondern darüber hinaus konnten sich nunmehr alle vier Gewalten vermittels einer neuen, einer fünften Gewalt, dem Lobbyismus, zu einem umfassenden und komplexen neoliberalen Regierungswerkzeug etablieren. Mediokratie ist nach Thomas Meyer die Kolonisierung des politischen Systems durch das Mediensystem, also die endgültige Osmose der vierten Gewalt mit den klassischen Gewalten nach Montesquieu und in diesem Vollzug die Aufhebung einer Gewaltentrennung schlechthin. Das osmotische Zusammenfließen sämtlicher Gewalten wird schließlich von einer fünften Gewalt, dem Lobbyismus, instrumentalisiert und produktiv gemacht. Genau diese Gewaltenvereinnahmung und Gewalteninstrumentalisierung ist das Charakteristische der fünften Gewalt, die sich nunmehr im Begriff der Global Governance neu vermarktet.

 

Mediokratie wird von Paul Virilo auch „Die vierte Front“ [31] genannt. Wenn wir das oben entworfene Panorama der Regierung der/des Prekären in der gesamtgesellschaftlichen Zone der Prekarität mit dem Establishment der fünften Gewalt, der Global Governance sozusagen, ins Verhältnis bringen, dann würde eine etwaige „fünfte Front“ die totale Ausweitung der Gewalt auf den sozialen Körper bedeuten. Michel Foucault hat diesen Gedanken in „Vom Licht des Krieges zur Geburt der Geschichte“ [32] bereits antizipiert, indem er von einer Fortsetzung des Krieges im Zivilen spricht, weil die Zivilordnung eine Schlachtordnung ist und weil der Diskurs über den Krieg gleichzusetzen ist mit einem „Diskurs über den Krieg als dauernde soziale Beziehung“ [33]. Nur verlaufen die sozialen Beziehungen, also die Schlachtenlinien nicht mehr zwischen den Subjekten und Institutionen, sondern zwischen den Subjekten selbst, dem sozialen Körper. Diesen Typus der Schlachtordnung nenne ich in Fortschreibung Foucaults, Wahrnehmungsordnung der Sozialorgane. Als Sozialorgan wird hier nach dem deutschen Neurobiologen Gerald Hüther das Gehirn [34] bezeichnet. Der Diskurs über den Krieg kann daraus folgend mit dem Diskurs über den Krieg als dauernde neurobiologische und neurosoziale Beziehung (auch neuro-soziales Embodiment) fortgeschrieben werden. Mediokratische Wahrnehmungsordnungen, so kann konklusiv an dieser Stelle festgehalten werden, entsprechen den Regierungstechniken des Prekären.

3. Mediokratische Operationen

Keinen geringen Beitrag zur Verbreitung der oben genannten Dauerkontingenz der Prekarität innerhalb von Sozialorganen und Sozialgefügen leisten mediokratischen Operationen. In Zeiten des Kalten Krieges sprach man von Strategien psychologischer Kriegsführung. Da aber etwa spätestens seit der letzten Millenniumswende sämtliche Materien des Politischen, des Staates und der öffentlichen Hand ökonomisiert sind (und für diesen Prozess ist global gesehen noch kein Ende abzusehen), d.h. die Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche mit dem Zusammenbruch der politischen Blocksysteme einen revolutionären Aufschwung verzeichnet, fällt die Kriegsführung, auch die psychologische, demnach ins Kartell der privatisierten Handlungen. Mediengesellschaften wie TV, Social Media Networks, Rundfunk, Kino und andere, sind nicht staatlich reguliert, sondern privatisierte, von Industriemagnaten regierte Medien. Die so genannte psychologische Kriegsführung, so muss konkretisiert werden, ist im Zeitalter der Global Governance einer flächendeckenden neuro-sozialen Kriegsführung gewichen, deren Zielscheibe die Sozialorgane von Klienten, Usern, Kunden und Akteuren sind. 

3.1. Scoop – Die Jagd nach der Sensation

Der Ausdruck Scoop, aus dem Englischen to scoop, was im Jagon „aufräumen“, oder „abräumen“, oder „baggern“ heißt (zum Beispiel in einer Bar abräumen, d.h. die attraktivste Frau oder den attraktivsten Mann anbaggern und abschleppen und anderen Anwärtern zuvor kommen; oder to scoop the market – den Markt abräumen), bezeichnet in der Sprache der Medienschaffenden eine exklusive Meldung, die ein Medium früher als andere Medien verbreitet. Scoops sind dementsprechend das Ergebnis eigener Recherchen oder resultieren aus den Tipps von Informanten, die dann in einem Medium zur Sensationsnachricht hochgepusht werden. Scoops steigern das Ansehen eines Mediums, da andere Medien – so sie denn die Nachricht ebenfalls verbreiten möchten – sich aufgrund der Exklusivität notgedrungen auf die zuerst veröffentlichte Meldung und das verbreitende Medium beziehen müssen. Auch innerhalb der Redaktion erhält ein Redakteur für einen von ihm recherchierten Scoop, der von vielen anderen Medien übernommen wird, einen Scoop-Bonus, der ihm wesentlich mehr Honorar einspielt. Auf diese Weise ist die potenzierte Vermehrung des Paparazzi-Terror nachvollziehbar und auch die kriminellen Strategien von Medienmogulen wie Robert Murdoch. Die Jagd nach vermeintlichen Scoops ist einer der Gründe, wenn Nachrichten so zugespitzt oder zum Teil erfunden werden, dass sie wie ein Scoop aussehen. In diesem Fall handelt es sich um eine Falschmeldung (einer so genannten Ente). In seinem Aufsatz „Fernsehen, Journalismus und Politik“ [35] analysiert Pierre Bourdieu eben jenes scooping im journalistischen Marketing, die er als „Jagd nach dem Scoop“ [36] bezeichnet und daraus resultierende pathogenen Effekte, die er u.a. in einer strukturellen Amnesie sieht. „Dies verstärkt noch die Effekte der strukturellen Amnesie, welche durch die Logik eines immer nur am Tagesgeschehen orientierten Denkens und durch die Konkurrenz gefährdet wird, was zur Folge hat, dass das Wichtige und das Neue (der scoop und die „Enthüllungen“) gleichgesetzt werden. Die Konsequenz aus all dem ist, dass die Journalisten eine aus disparaten Momentaufnahmen zusammengesetzte Repräsentation der Welt produzieren.“ [37] Und weiter: „Diese enthistorisierte und enthistorisierende, atomisierte und atomisierende Sichtweise findet ihren paradigmatischen Ausdruck in dem Bild, dass die Fernsehnachrichten von der Welt vermitteln: eine Abfolge scheinbar absurder Geschichten, die sich letztendlich alle irgendwie ähneln, ein ununterbrochener Aufmarsch bedauernswerter Völker, eine Folge von Ereignissen, die ohne jede Erklärung auftreten und deshalb auch ohne jede Lösung wieder im Dunkel verschwinden werden – heute Zaire, gestern Biafra, und morgen Kongo. Jeglicher politischen Zwangsläufigkeit beraubt, können solche Ereignisse allenfalls noch ein vages humanitäres Interesse wecken.“ [38] 

 

Da im Kontext der Theorien von Lars Clausen die katastrophensoziologischen Konsequenzen der Anomie in jeder Ereignissituation die gleichen sind, nämlich der krasse soziale Wandel [39], sprechen wir deshalb von Emergencies als von Kulturkatastrophen die sämtliche Sorten von Katastrophen einschließen. Von diesem Standpunkt ausgehend fokussieren wir auf einen Katastrophenmarkt, der mit dem Paradigma der Katastrophe operiert, um größtmögliche Profite zu erzielen und nicht nur das, sondern um die (Kultur-)Katastrophe als größtes zeitgemäßes Event zu etablieren. Mit anderen Worten bestätigt diese Annahme Pierre Bourdieu mit folgenden Worten: „Diese zusammenhanglosen Tragödien, die eine auf die andere folgen, ohne dass je eine historische Einordnung vorgenommen würde, unterscheidet sich kaum mehr von Naturkatastrophen, Tornados, Waldbränden und Überschwemmungen, die ja in den „Nachrichten“ genauso präsent sind. Diese Tragödien sind traditionelle, um nicht zu sagen: rituelle, journalistische Themen, sie sind spektakulär, und vor allem können sie ohne große Kosten behandelt werden und die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Opfer Solidarität oder wirklichen politischen Widerstand auslösen, ist genauso gering wie bei einer Zugentgleisung oder einem sonstigen Unfall.“ [40] 

3.2. Break – Die Blitzmeldung

Dem journalistischen Scoop, der als Fachbegriff für „Jahrhundermeldungen“ bereits im 19. Jahrhundert Gang und Gäbe war, folgte im 20. Jahrhundert die journalistische Blitzmeldung, auch als „Breaking News“ bekannt. Blitzmeldungen besitzen eine derart hohe Relevanz, dass eine reguläre Nachrichtensendung in Hörfunk und Fernsehen nicht abgewartet werden kann, sondern das laufende Programm unterbrochen werden muss. Im Journalismus wird unter anderem danach entschieden, in welcher Reihenfolge bestimmte Meldungen in den Nachrichten des Hörfunks und Fernsehens platziert werden. Ihre Reihenfolge bestimmt sich nach ihrer Dringlichkeitsstufe. Besitzt eine Meldung eine derart herausragende Priorität, muss in der Redaktion entschieden werden, ob sie in den regulären Nachrichten als Aufmacher präsentiert oder das laufende Programm unterbrochen wird. Die Operation der mediokratischen Dauerinszenierungen von Katastrophen und Krisen hat sich mit der letzten Millenniumswende revolutioniert und ist zum rentablen Marktplatz des Psycho-Thrills und der gesellschaftlichen Anomien geworden. Nicht nur der Scoop wird meistbietend auf Sendung gehen, sondern der Blitz, oder Schock, der die Vermeldung von Scoops, Sensations- oder Falschmeldungen unterbricht und mit noch gewaltigeren Meldungen überbietet.

 

Der deutsche Begriff der Blitzmeldung für Breaking News erinnert zweifelsohne an den Blitzkrieg und alle medialen Errungenschaften die mit dem Zweiten Weltkrieg einhergingen, wie u.a die Goebbelsschnauze oder den Einsatz von Alarmsirenen als Katastrophenwarnung, auch Fliegeralarm genannt. Der akustisch markante Fliegeralarm wurde als Zwei-Minuten-Heulton in den Anfangsjahren des Krieges über so genannte Luftschutzsirenen gegeben; ab Mitte des Krieges wurde er dann durch die Neuregelung der Luftschutzordnung auf eine Minute verkürzt. 

 

Der Fliegeralarm aus dem Zweiten Weltkrieg wurde nach dem Krieg zum Luftalarm, der bis Anfang der 1990er-Jahre mit einem Eine-Minute-Heulton die Bevölkerung im Verteidigungsfall vor Luftangriffen hätte warnen sollen. Somit sind nicht nur die Generationen die zwischen den 1920er- und 1940er-Jahren Geborenen mit dem Signal auf traumatische Weise verbunden, sondern auch noch die Generationen danach, die Nachkriegsgenerationen und die Generationen des Kalten Krieges. Sirenentöne rufen bei einer ganze Serie an Generationen traumatische Erinnerungen wach und haben noch nach dem Krieg nicht selten zu Retraumatisierungen geführt, sind aus Übungszwecken die Sirenen aufgeheult, oder wie es zur Überprüfung der zivilen Bereitschaft bis zum Ende des Kalten Krieges in der DDR üblich war, jeden Mittwoch 13 Uhr. Es ging darum, die Sirenen auf ihre Funktionsfähigkeit zu prüfen und die Bevölkerung an die „Gefahr aus dem Westen“ zu erinnern. Analog erinnert auch der Volksempfänger, ein Radioapparat der im Auftrag von Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels entwickelt wurde, auch Goebbelsschnauze genannt und als eines der wichtigsten Propagandainstrumente der nationalsozialistischen Machthaber gilt, an traumatische Erlebnisse. Man bedenke, dass dieses Radio quasi nur den Führer oder seinen Propagandaleiter sprechen ließ. Es handelte sich immer um euphemistische Meldungen des Kriegsverlaufs. Durch Volksempfänger und Sirenen wurden Tagesabläufe unterbrochen und gingen in eine Situation gesteigerter Aufmerksamkeit bis hin zu akuter Bedrohung über. Naomi Klein spricht von Schockstrategien [41], die sowohl in nationalen Propagandakontexten, als auch in globalen Werbekontexten zur Anwendung kommen. 

 

Auf der Mikroebene werden die Strategien von Agencies als mediale Schockstrategien wirksam. Zu mikroökonomischen Schockstrategien gehören mediokratische Prekarisierungstechniken wie u.a. Breaking News. Nachrichten werden dann als Breaking News verifiziert, wenn die Aufmerksamkeitsökonomie zur Wahrnehmung von Mitteilungen zensiert ist. Zensiert werden Nachrichten nicht nur durch Filter, sondern durch ihre selektive Fragmentierung und durch die dramaturgische Verknüpfung der selektiven Fragmente. Die dramaturgische Technik des cut up, bekannt aus dem Filmschnitt, durchzieht die Masse an medialen Material und verbindet sie zu zerstückelten, fragmentierten Mitteilungsketten, zu Breaking News. Dabei wird nicht nur eine Katastrophenmeldung ununterscheidbar an die andere geschnitten, sondern, und das vor allem macht die Vermittlung von News erst prekär, der Zusammenschnitt erfolgt im Journalismus aus Interesse-Schnipseln der Katastrophenmärkte (wobei wir gelernt haben, dass Katastrophenmarktpolitik Bestandteil von Unternehmenspolicies ist). Auf Feuerwalzen und Schlammlawinen folgen Börsenkurse, Celebrity Socializing, ein paar Tausend Todesopfer irgendwo, Proteste, dicht an dicht mit Advertizing, untermalt von pornografischen Botschaften und globalen Ego-Shooting-Allmachtsfantasien. Pornografie, Bildgewalt, Kaufsuggestionen und tatsächliche Fakten von Ereignissen vermischen sich so zu einem medialen Overkill, dessen Schock-Charakter durch die Art und Weise der journalistisch-medialen Vermittlung und nicht durch die Tatsache der Existenz von Katastrophen an sich erzeugt wird. 

 

An dieser Stelle werden 4 Themen für die aktuelle Kulturtheorie und Kultursoziologie evident:

1. Der neue Kriegsführungsstil von Design Governancen (die Rekrutierung von Wahrnehmungsordnungen in sozialen Feldern)

2. Die Notwendigkeit einer erweiterten Gewalttheorie, die sich auf die Gewaltform der medialen Schockstrategien und Bildgewalt bezieht, denn 

3. Die Notwendigkeit einer erweiterten Theorie des Simulakrums, in welcher der Begriff der Täuschung durch den Begriff der Ununterschiedenheit abgelöst wird

4. Eine zeitgemäße Kulturtheorie des Ausnahmezustands, der Cultural Emergency, der Zonen der Ununterschiedenheit bzw. der Zonen der Prekarität auf der Designebene

 

Wenn heute Blitznachrichten einen Nachrichtenverlauf unterbrechen, erinnert dies nicht wenige etwa an Traumatisches aus dem eigenen biografischen Erleben. Nicht umsonst heißen Breaking News auch Katastrophenmeldungen.

 

Echtzeit: All news, all the time

Im Jahr 1980 ging in Atlanta ein kleiner Kabelkanal namens Cable News Network, kurz CNN, auf Sendung, mit dem Ziel, ein neues globales Medienzeitalter einzuleiten und mit 24-Stunden-Permanenz Weltnachrichten um die Welt zu schicken. Ted Turner, der den Kanal gründete, eröffnete seinen medialen Weltherrschaftsanspruch mit der Losung: „All news, all the time. Wir werden erst abschalten, wenn die Welt untergeht“ [42]. Heute ist CNN ein Imperium mit fünf Einzelsendern (CNN/US, CNN Headline News, CNN International, CNN en Español, CNN Airport Network), zwei Radiostationen und drei Websites. Aus acht Korrespondentenbüros sind 42 geworden, aus 1,7 Millionen US-Haushalten, die CNN anfangs sehen konnten, 1,5 Milliarden (potenzielle) Zuschauer in praktisch jedem Land der Erde. Auf dem TV-Newsmarkt, dessen einsamer Pionier CNN war, drängeln sich längst über 70 Rivalen. Ted Turner imperiale Vision von der weltweiten Beschallung mit 24-Stunden-Weltnachrichten, ist schon längst Alltag und hat die Nachrichtenindustrie revolutioniert, sowie mit ihr das Format der Echtzeit-News und Breaking News.

 

1991 brach der Zweite Golfkrieg aus und mit ihm eine neue urbane Kriegswahrnehmung, denn dieser Krieg ist nicht losgelöst von der Life-Berichterstattung durch CNN zu denken. Der Zweite Golfkrieg ging deshalb auch als erster Echtzeitkrieg in die mediokratische Geschichte ein. Da diese Frontenvermischung zwischen der realen Front im Nahen Osten und der zweiten Front in den Medien, die von jedem Mediennutzer im TV weltweit in Echtzeit verfolgt werden konnte, derart neu in der Mediengeschichte war und deshalb auch für viele unglaublich im wahrsten Sinne des Wortes, hielten sich beim Medienpublikum hartnäckige Zweifel an der Existenz dieses Krieges, sowie die Vermutung, dieser Krieg sei eine Inszenierung von CNN. Der Erregungsquotient, der durch das zivile Life-Zuschauen an den Kriegshandlungen wie bei einer Trapeznummer im Zirkus auf bisher ungekannte Weise telekommunikativ gesteigert wurde, konnte nur noch durch den Break getopt werden, durch die Unterbrechung des Lifestreams und den plötzlichen Kameraschwenk in eine andere Kriegsarena. Paul Virilio schrieb zu diesem Phänomen des Zweiten Golfkrieges in Krieg und Fernsehen folgendes: „Genauso wie es drei große Zeitalter des Krieges gibt – nämlich das frühgeschichtliche taktische Zeitalter, das durch begrenzte Tumulte geprägt ist, dann das historische und im eigentlichen Sinne politisch strategische Zeitalter und schließlich das gegenwärtige logistische Zeitalter, in dem Wissenschaft und Industrie eine herausragende Rolle für die Zerstörpotentiale der Streitkräfte spielen –, genauso gibt es auch drei Waffengattungen, die sich im Laufe der Geschichte in ihrer Bedeutung ablösten: die Obstruktionswaffen (Stadtmauern, Bastionen und Harnische), die Zerstörwaffen ( Bögen, Kanonen, Raketen, usw.) und die Kommunikationswaffen (unter anderem Beobachtungs- und Signaltürme, verschiedene Waffenträger, Funk, Radar, Satelliten).“[43]. Und ich füge dem die Überlegung hinzu, dass es demnach auch drei Kriegsopfertypen geben muss. Während zum ersten und zum zweiten von Virilio beschrieben Kriegstypus der Soldat und auch Söldner gehört, der, wenn er heimgekehrt ist, physische und psychische Schäden davontrug, scheint es heute keine Kriegsheimkehrer mehr zu geben, da sie alle „zu Hause“ life dabei sind. Ein hier zu vermutender Opfertypus zeichnet sich durch Symptome aus, die ich weiter unten ausführen werde. Mit Beginn des Zeitalters der Social Media und der portablen Kommunikationsplattformen wird sich auch dieser Kriegstypus ändern. Nachrichtensender wie CNN werden entbehrlich und die Echtzeitinformationen von der Front werden nun vom zivilen Smartphone auf alle anderen zivilen Smartphons weltweit übertragen. 

3.3. Hype – Die Inszenierung der Blase

Es geht bei Design Governancen um Regierungstechniken, die u.a. mit den Mitteln mediokratischer Operationen wie der Breaking News, Hypes, Plots und Scoops, den Verkauf von Simulakren verfolgen, und somit die gezielte Desorientierung in öffentlichen Räumen und in Wahrnehmungsgemeinschaften erzeugen. Deshalb werden sie von mir auch als mediokratische Prekarisierungstechniken bezeichnet. Eine weitere solche Prekarisierungs-technik ist der Hype. Unter einem Medienhype werden meist kurzlebige, in den Massenmedien aufgebauschte oder übertriebene Nachrichten verstanden, die gezielt von Interessenträgern zur Werbung für bestimmte Ideen, Personen oder Produkte lanciert werden. Hypes versprechen einen schnellen, leichten Profit, oder Gewinn, oder ein bestimmtes Lebensgefühl. Da sich ein nüchterner Nachrichtenstil schlecht zur Erregung von positiven, konsumorientierten Impulsen eignet, kommen die Meldungen oft in Gestalt des Infotainment daher, als Info-Hype. Nachrichten werden zum Marketing und im gleichen Stil wie Werbung verkauft. Es handelt sich bei Hypes, ob nun im Nachrichtenbereich als Infotainment, oder im Produktmarketing, um Blasen, die einen potenziellen Nutzer in ihren Bann ziehen. So versucht ein Produktmarketing seine Kunden zu gewinnen, indem es Versprechen überzeugend anbietet. Zum Beispiel Versicherungsgesellschaften, die einen prozentualen Mehrwert und Gewinn versprechen, wenn der Kunde dieses oder jenes Versicherungsprodukt kauft, oder eine Dienstleistung, die ein horrendes Ersparnis verspricht, Abmagerungsprodukte, die eine Topfigur versprechen, Kosmetika, die ewige Jugend versprechen, Genussmittel wie „Campari“, „Aperol“ oder „Martini“, die coolen Lifestyle versprechen, Autos, die Freiheit versprechen, oder Dienstleistungsprodukte, die im Zuge des Green Washing populär geworden sind, wie zum Beispiel ein Service von „Green Globe“, die ein reines Gewissen versprechen, usw. Jede Art von Produkt- und Dienstleistungsmarketing ist mit „Sie sparen!“, oder „Sie gewinnen!“ versehen und zielt auf etwas, das sich in der Zukunft positiv auswirken wird. Produkte und Dienstleistungen werden nicht um ihrer selbst willen gekauft, sondern aufgrund ihres Versprechens, das den potenziellen Kunden emotional ergreift, weil es ihn in der Zukunft vor irgend etwas versichert: vorm Altern, vor Demenz, vor Impotenz, vor Armut, vor Kinderlosigkeit, vor Unfällen, vor Fettleibigkeit, vor Augenringen, vor Langeweile und anderem mehr. Mainstreams entstehen auch, wenn, oder weil gewisse Personen zu Stars gehypt werden, die das alles haben, was man selbst nicht hat. Nun kommt die Werbung und verspricht Lieschen Müller das gleiche Glück, wie es Donna Olympia für sich gepachtet hat. Wer von einem Hype erregt ist, will das Produkt kaufen, weil er meint, damit sein Leben in Zukunft zu verbessern. Man spricht in der Soziologie auch von Affekten, Affizierungen und Erregungen in sozialen Feldern, die Hypes auslösen, auch von Schwarmeffekten, den so genannten Trends. Besonders deutlich nachvollziehbar wird dies am Beispiel der Apple-Produkte. Es gab keine größeren Hypes in den letzten 10 Jahren als um die Apple-Produkte, iPod, iPhone, iMac und iPad. In Apple-Stores weltweit werden diese inszeniert und zwar in einer Weise, dass bei dem Release jeder neuen Produktgeneration die Nutzer zu ultimativen Fans werden und sich sogar über Nacht in langen Schlangen anstellen, um zu den ersten Produkt-Usern zu gehören. Apple ist bekannt geworden für sein Guerilla-Werbung in den 1980er-Jahren, in der die Motive der Counter-Culture inkorporiert wurden. Mit dem Slogan „Think Different“ hat Apple sogar eine konsumkritische Klientel abgeworben und vereinnahmt. Die französischen Soziologen Boltanski und Chiapello haben in Der neue Geist des Kapitalismus [44] exzellent die Kausalität zwischen Protest, Kritik und seiner ökonomischen und somit ideologischen Vereinnahmung analysiert, die zwangsläufig zu einem Ausverkauf, bzw. Ausbluten von Kritik, Protest und Widerstand auf der einen Seite und zu einer Revolutionierung von Wirtschaftsunternehmen auf der anderen Seite führt. Für die Revolutionierung des Kapitalismus in seinen Krisen, zu neuen, ungekannten und ungeahnten Oberflächen, sind Management- und Designbüros zuständig. Texter, Grafik-Designer, Markendesigner und Berater entwerfen erfolgreich Brands und Branding- Communities. Mittlerweile hat dies jedes Unternehmen verstanden: Erfolg und Profit gelingt nicht mit kompetenter Führung, oder mit einem soliden Produkt, sondern mit der kompetenten Gestaltung von Design-Blasts, von Hypes, die kollektive Erregungen zu erzeugen im Stande sind. Für den Unternehmensprofit sind die an die Unternehmen angeschlossenen Think Tanks, CCO’s, Chief Creative Officers, Creative Directors, Psychologen, Soziologen und Konsultanten verantwortlich - die Experten des Neuromarketing und Brandmanagements. Sie entwerfen die Hypes für Produkte und Dienstleistungen, deren Versprechen den potenziellen Kunden befallen wie ein Narkotikum.

 

In einer vernetzten Botschaftenüberlagerung sieht ein komplexes Versprechen wie folgt aus: „Fliegen Sie mit uns ins burmesische Paradies!“; „Lassen Sie sich von 20 jungfräulichen Antilopen durchmassieren!“; „Erstrahlen sie zu neuer Jugend wie eine Gazelle!“; „Werden sie Mitglied – ihre Familie wartet auf Sie!“; „Sei mutig, individuell und rasant – sei Marlboro-Man!“; „Zeigen Sie ihren Erektions-, Stuhlgang- und Gewichtsproblemen strahlend weiße Zähne!“; „Sie sind mit uns versichert gegen Risiken und Nebenwirkungen!“; „Mit uns hat der Virus keine Macht über Sie!“; „Sei ein Expander, ein Defender, ein Terminator – erlebe Dich am Limit!“; „Minimieren Sie mit uns Ihren Verbrauch!“; „Retten Sie sterbende Kinder in Afrika und tun Sie etwas gegen Mundgeruch!“; „Erleben Sie Fahrvergnügen pur!“; „Go Green! – Sei nachhaltig!“ (fig.4 -fig.10). 

Hypes erwirken eine Identifikation des Kunden mit dem Versprechen, das einem Produkt anhaftet, nicht mit dem Produkt selbst. Ohne Illusionsblase und in einer von Naomi Klein empfohlenen No Logo! [45] -Strategie, würden Produkte kaum Absatz finden. In „Kapitalismus als Religion“ [46] hat dieses Phänomen Walter Benjamin brillant antizipiert.

 

Brand-yourself, entertain-yourself, control-yourself, empower-yourself, establish-yourself – von dieser Losungsstaffel des Selbstdesigns und der Biopolitik machen Firmen jeder Art Gebrauch. Ob es sich um Ich-AG, GbR, GmbH, IG, Holding-Organisationen, Versicherungen, Banken oder Multis handelt, der Unterschied besteht einzig allein im Zugriff auf Kreditmittel und im Zugriff auf Regierungsmandate. Wer nicht an der Börse gehandelt wird, kann nicht im globalen Stil einkaufen gehen: Pipelines, Human Resources, Land- und Luftraum, Daten, Drogen, Security usw. Mit einem Brandmanagement, das sich in kürzester Zeit in den Konkurrenzgefilden von Pharma-, Rüstungs-, Rohstoffmärkten etc. etabliert hat, kann kaum noch etwas schief gehen. Die Goldgräberstimmung von Global Players im Emergency Empire wird nach wie vor von einer Gier nach den zones beyond the line entfacht – dem rechtsfreien Raum, der hergestellten Zone der Anomie, der erkauften tabula rasa von Rechten jeder Art. Diese korporatistische Policy wird in der Wirtschaft als „grenzüberschreitende Finanzierung innerhalb von Unternehmensgruppen“ bezeichnet, während im nationalen Rahmen unter diesem Brand großräumig (TV, Magazinen, Werbeflächen im öffentlichen Raum) gehypte Haarshampoos (L’Oreal), Slipeinlagen (Carefree; Johnson&Johnson) und Potenzmittel (Levitra; Bayer) verkauft werden. Wir leben inmitten von Designhegemonien ist ein anderer Satz für: wir leben inmitten der neuen Kriege. Die Hardware der neuen Kriege sind die ökonomischen Strukturen, sagt Herfried Münkler. Ich füge hinzu: die Software der neuen Kriege ist das biopolitische Embodiment der Corporate Designs und die neurologische Kriegsführung einer Branding Community. (fig.11 – fig.15)

3.5. Plot- Die Dramaturgie des getarnten Anschlags

Wie schon an anderer Stelle ausgeführt, ist der Begriff des Plots einerseits in der Nähe des heute in wirtschaftlichen Zusammenhängen üblichen Gebrauchs des Wortes Design im Sinne des Plans, des planerischen Entwurfs, andererseits versteht man unter Plot einen geplanten Anschlag. Medienanschläge sind nicht neu und vor allem als Propagandamittel in Diktaturen bekannt worden. Ein zentraler Bestandteil des Plots ist die Falschmeldung und das Verschweigen von realen Tatsachen. Ziel des mediokratischen Plots ist die Gewinnung von allgemeiner Medienmacht, damit Informationsmacht im gesellschaftlichen Körper, die generell zu Gleichschaltungen führt. In der Geschichte ist der Zusammenhang zwischen lobbyistischen Plots, das heißt Komplotts von Magnaten aus Wirtschaft, Militär, Politik und Finanz, der Presse und den Medien, immer wieder auffällig, woraus ersichtlich wird, dass hinter einem mediokratischen Anschlag ein ideologisches Interesse von Interessenverbänden steht. Mittlerweile kennt die Allgemeinheit sensationelle Propagandaplots aus den Zeiten des Dritten Reichs, wie z.B. jene, die um die Ereignisse des Reichstagsbrands in Umlauf gesetzt wurden, die Kriegslügen, durch die Volksempfänger verkündet, welche die Frontenereignisse beschönigten, oder die Propaganda zur ethnische Hygiene, die wiederum den Genozid rechtfertigen sollte. Zum Plot gehört der Euphemismus und die Falschmeldung, im militärischen Sprachgebrauch die false flag operation, um wahre Hintergründe zu tarnen. Am Beispiel des Dritten Reichs wurden die wahren Hintergründe wie Wirtschafts- und Bankeninteressen, sowie der totalen Entdemokratisierung durch Weltherrschaftsinteressen Einzelner, mittels mediokratischer Plots komplett geleugnet und getarnt. Zentrales Ziel eines mediokratischen Plots ist immer irgendein Feindbild zu inszenieren und vom eigentlichen Feind (für Demokratie und Gesellschaft) abzulenken.

 

An einem Beispiel aus der jüngeren Geschichte mediokratischer Operationen, soll die hier aufgestellte These nochmals veranschaulicht werden. Die Verhaftung von Hannibal Gaddafi in einem Genfer Hotel im Jahr 2010 folgt mustergültig einer dramaturgischen Logik der politischen Ökonomie des Journalismus. Sie werden den Plan, oder das Muster dieses Storytellings, das als Libyen-Affäre in die Medien eingegangen ist, unschwer als mediokratischen Plot nachvollziehen können:

 

Die Schweiz, in dieser kritischen Lage des Jahres 2010 befindlich, durch nationale UBS-Skandale, Minarett-Debatten, Steueraffären und der publikumswirksamen Veröffentlichung von Datensätzen deutscher Steuerhinterzier, allesamt Kunden Schweizer Banken, zusätzlich verunsichert, wird zu guter letzt mit der Libyen-Affäre in größte Verlegenheit gebracht und „mit Gaddafis Drohung, den „heiligen Krieg“ auf die Schweiz auszuweiten“ [47], konfrontiert. Dahinter verbirgt sich ein diplomatischer Streit, durch das Minarettbau-Verbot und die Inhaftierung Hannibal Gaddafis ausgelöst, welches das sofortige Ende der Erdöllieferungen von Libyen an die Schweiz und das Ende der Schweizer Fluggesellschaft Swiss in Libyen zur Folge hat. Die Ausweitung von Gaddafis heiligen Krieg gegen die Schweiz mündete in einen totalen Wirtschaftsboykott, den Lybien im März des Jahres 2010 gegen die Schweiz verhängte. Man sollte davon ausgehen, dass die in ihrem krassen Ausmaß nicht nachvollziehbare Inhaftierung und Arrestierung des Film-Gurus Roman Polanski, zeitgleich zur Libyen-Affäre, als Reaktion dienstfertiger und beflissener schweizerischer Beamter auf die Erschütterungen der schweizerischen Selbstwahrnehmung interpretiert werden muss. In der Stilistik jedoch ist der politische Schachzug der Inhaftierung Polanskis, identisch mit der Inhaftierung Hannibal Gaddafis, dem Sohn Muammar al-Gaddafis, in einem Genfer Hotel 2008. Als die Urheber der Libyen-Affäre und somit der Ausweitung des heiligen Krieges auf die Schweiz, ging also nun das Ehepaar Gaddafis Jr. in die Geschichte ein, weil es (angeblich) sein Dienstpersonal malträtierte. Dieses klagte die Gaddafis an, kam groß in die Medien und wurde dann wegen Körperverletzung durch das Ehepaar Gaddafi, im Sinne humanitärer Wiedergutmachung großzügig entschädigt - und vergessen [48]. Übrig blieb nicht nur ein Schaden für das Image des Paares Gaddafi Jr., sondern ein idealer Einstiegsbügel für einen politischen Komplott [49]. Der Schweizer Präsident Hans-Rudolf Merz flog zwar am 20.08.2008 nach Tripolis, um sich bei Gaddafi Sr. für die unangemessene Inhaftierung von Gaddafi Jr. in Genf, zu entschuldigen. Aber das nützte nicht viel. Muammar al Gaddafi verhängte nun sein Embargo gegen die Schweiz („Ausweitung des Heiligen Krieges“), was ein erneutes Medien-Tam-Tam auslöste und der Schweiz die Rückendeckung gab, mit „soliden“ Maßnahmen zu reagieren. Die Freilassung Polanskis nach zehn Monaten Arrest, passierte dann unvergleichlich lapidar – die USA könne das angefragte Zeugnisprotokoll, trotz supranationaler Ausweitung ihres Haftbefehls, den diensteifrigen Schweizern nicht liefern. Die Schweiz ließ also Polanski laufen und nahm „Im Gegenzug drei Guantánamo-Häftlinge auf [50]. Dann war die Sache vergessen. Mit diesen beiden jüngeren Beispielen kleinerer „Staats-Affären“, liegt uns ein typischer Plot um Geld, Reputation und Mandate im internationalen politischen Geschäft üblicher Verdächtiger vor, von Chefideologen und Waffenhändlern, die gern auf Public Images als Erpressungsmittel zurückgreifen und in dem kein Trick von humanitärer Maßnahme bis demokratischer Dienstleistung ausgelassen wird. – Heute (Januar 2014), knapp vier Jahre später, hat die Story um Muammar al Gaddafi rückblickend eine dramatische Wendung genommen, der oben beschriebene Ereignisse als zeichensetzende (signifikante) Handlungen voraus gingen, als Symptome sozusagen. Im Jahre 2011 rächte sich die Schweiz auf einmalige und totalitäre Weise an Gaddafis „Ausweitung des heiligen Krieges auf die Schweiz“, indem sie sämtliche Konten der Familie Gaddafi sperrte. Der Schweizer Bundesrat hat am 24. Februar 2011 beschlossen, alle möglichen Vermögenswerte Gaddafis und seines Umfeldes in der Schweiz mit sofortiger Wirkung zu konfiszieren. Als glücklicher Umstand für diese Konfiszierung kam der Schweiz die „Körperverletzung am Dienstpersonal“ der Gaddafis Jr. und schließlich der Libyen-Krieg entgegen, von dem man ebenfalls annehmen muss, dass er ein NATO-Pakt war, der die gewaltsame Annektierung der libyschen Ölfelder zum Ziel hat (die Gaddafi Sr. demonstrativ für die Schweiz hatte sperren lassen). Die „Rache der Schweiz“ auf die Drohgebärde und Exklusionspolitik des Muammar al Gaddafi kam, wie auch schon in der Nazi- und Judengold-Affäre, mit einer weißen Weste daher. Und die „Rache der Schweiz“ blieb auch in diesem jüngeren Fall politischen Komplotts unantastbar. Unterstützt wurde die Politik und Immunität der Schweiz im Fall Gaddafi durch die zeitgleiche Liquidierung Muammar al Gaddafis 2011 im Windschatten eines europäischen und amerikanischen Demokratie-Euphemismus [51], die (Liquidierung) wiederum Barack Obamas Ansehen retten sollte. Obama? Ja, Barack Obama war beauftragt den Weltschurken Nr.1, Bin Laden, aus dem Verkehr zu ziehen, was er mit einer unvergleichlich blamablen Inszenierung, einem mediokratischen Kasperletheater für die Weltöffentlichkeit, auch erledigte. Weil dieser Plot im Höchstmass unglaubwürdig, geradezu dilettantisch ablief, musste von diesem Job durch einen neuen Plot abgelenkt werden. Obama wurde nun zum Oberbefehlshaber über ein neues Enemy-Target: Gaddafi – und gab Sarkozy das „Go“ seine Kampfbomber in einem Angriffskrieg über Libyen zu jagen (und damit seine Rüstungsindustrie zu amortisieren). Vom Internationalen Strafgerichtshof Den Haag wird nun der restliche „Gaddafi-Clan“ gesucht, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit (siehe Körperverletzung am Dienstpersonal) – eine routiniert-euphemistische Vermeldung der internationalen Lobby, um sich Legitimität zu verschaffen, sich die eingefrorenen Vermögen anzueignen – und darüber hinaus das Öl. Vor diesem Hintergrund gab Interpol eine Warnung bezüglich Hannibal Gaddafi aus, ebenso stand er auf der Sanktionsliste der EU. Hannibal Gaddafi floh mit einigen weiteren Angehörigen am 29. August 2011 nach Algerien. Bis heute konnte ein supranationaler Ausnahmezustand in Libyen wirksam werden, der den USA, der EU, der Schweiz u.a. die Verfügbarkeit libyscher Rohstoffe und Vermögen garantiert. 

 

Aus im speziellen diesem wirtschaftspolitischen Plot auf supranationaler Ebene von 2011 kamen für den Mediennutzer nur Fragmente an. Er konnte diverse für sich selbst stehende absurde Ereignisse in den Jahren 2010 und 2011 zwar zur Kenntnis nehmen, die dann, wie in allen Medien, fragmentiert kommentiert und mit weiteren absurden Breaks, Scoops und Hypes kombiniert, verkauft wurden, jedoch ohne eine Chance auf Aufklärung und politische Orientierung. Was die komplexe Gaddafi-Geschichte anbelangt, kann man nur staunen, in welchen kriminellen Zusammenhängen sie sich rückblickend wirklich ereignet hat. Der kriminelle Impact ist jedoch mehr auf der Seite der Schweizer Bundesanwaltschaft zu finden. Wie aus dem Video mit dem US-amerikanischen Vier-Sterne-General Wesley Clark unter der Sequenz „The Truth about the Middle East“ [52] besonders eindrücklich deutlich wird, geht es der NATO und ihren Vertragsstaaten ausschließlich im Rohstoffsicherung in Nahen Osten und in Afrika. Europa, einschließlich der Schweiz sind sich hierbei für keine kriegerischen Mittel, rüstungsindustrielle Hochkonjunkturen, Euro-Hawk-Exzesse und alliierte Bombenflüge, zusammen mit Nicolas Sarkozys selbstermächtigten Korridor über Libyen, zu schade. Wenn ein Autokrat wie Gaddafi sich nicht „benimmt“, schlägt der Schweizer Bundesrat zu. Sein Geld und auch die Gelder der ägyptischen und tunesischen Machthaber, hat der Bundesrat „eingefroren“. Ziel ist, diese Gelder letztlich zu beschlagnahmen. Das gelingt dem Bundesrat mit dem so genannten Notrecht [53]. Die Schweiz kann sich solche Machenschaften aufgrund ihrer politischen Neutralität (seit 1815) erlauben. Mittlerweile hat sich ihre politische Neutralität zu einer gouvernementalen Neutralität, zum neutralen Zuhältergebilde ausgeweitet, zu einem Win-Win-Geschäft mit allen Großanlegern weltweit. So gut wie alle Großkriminelle weltweit legen ihre Vermögen in der Schweiz an, oder sichern sich ein paar Quadratmeter für ihr Hauptquartier in einer der neutralen Global Cities (Genf, Zürich). Zwar hat die Schweiz 1998 ein Anti-Geldwäscherei-Gesetz erlassen, um dem schlechten Ruf, der Bankenplatz Schweiz begünstige durch das Schweizer Bankgeheimnis die Geldwäscherei und Steuerflucht, entgegen zu wirken. Das sind jedoch pro forma Erlasse, mediokratische Operationen, um Legalität und Legitimität vorzutäuschen. Wer auch immer sich auf dem Bankenplatz Schweiz herumtreibt, sie bekommen alle ihre Konten, wenn dann aber doch die internationale Gemeinschaft auf Maßnahmen drängt, hat die Schweiz dann plötzlich ein Notgesetz parat und friert die Vermögen ihrer Großkunden ein. So ermöglicht sich die Schweiz eine gigantische Drehscheibe des Geldgeschäfts – sie dreht sich jeweils in zwei Richtungen, die doppelstrategisch getarnt sind. Einmal verkauft sie sich der Welt in solider und seriöser Neutralität, die Bankengeschäfte betreffend, bei gleichzeitiger Komplimentierung eines jeden, aber wirklich jeden Großkunden, und zum anderen verkauft sie sich in redlicher und rechtschaffener Neutralität, die Gesetzesgeschäfte betreffend, veranlasst Notgesetze und erzwingt den Ausschluss von Großkunden und die Sperrung ihrer Konten, bei gleichzeitiger Konfiszierung des Anlegervermögens. Das gelingt der Schweiz nur, weil sie die dreckige Geldwäsche von anderen machen lässt, von Topmilitärs und Autokraten, die dann die Vermögen in der Schweiz deponieren. Die Schweiz selbst steht dann mit dem so genannten Persilschein da und kümmert sich nur noch um die saubere Geldwäsche, die Konfiszierung. Wer legalisiert wiederum die Schweiz für derart illegitime Handlungen im Namen von Menschenrechten und Demokratie? Wer legalisiert die Schweiz für ihre juridische Doppelbödigkeit und ihren unmoralischen Wohlstand? (fig. 16 – fig. 18) 

Im Zentrum von Design Governancen, steht die Inszenierung und die Herstellung eines fiktiven Feindes, eines Simulakrum. Dies ist die prominente Strategie einer katastrophenkapitalistischen Kriegsführung, hinter der gigantische Industrien ungehindert ihr globales Geschäft erledigen können. Der Wechsel von Feindbildoberflächen fürs Volk ist exzessiv und wechselt innerhalb medienpolitischer Perioden wie am Rouletttisch willkürlich: von Bin Laden, zu Gaddafi, zu Berlusconi, zu Breivik, zu Assange, zu Snowden, zur NSA und so fort. Dabei wechseln die Feinbildoberflächen willkürlich auch das Format: sie erscheinen mal als Scoop, mal als Hype, mal als Leak, der wiederum den Plot dahinter enttarnt, oder die Falschmeldung. Es bleibt die traurige Konklusion am Ende dieser Beschreibung, dass es offenbar kein Gesetzt gibt und kein Recht auf dieser Welt, das gegen die illegitimen Machenschaften von Empiregebilden wie USA, EU, UNO, der Schweiz als neutrales Zuhältergebilde, allesamt im Verbund mit der Mediokratie, mächtig genug ist, deren Vergehen gegen die Menschlichkeit angemessen zu bestrafen. Denn hinter diesen Labels: USA, EU, SCHWEIZ, UNO, DEN HAAG etc. pp. verbergen sich globale Lobbyismen, Allianzen aus Militär, Finanz, Industrie, Medien, Justiz und Regierungen, allesamt Unternehmen auf höchsten Ebenen, die darin verstrickt sind – das meint wirtschaftlich korrumpiert. Es gäbe nur noch ein Gottesgericht, was über diesen lobbyistischen Korruptionen stehen könnte, nur dies ist eine Erzählung, die zu den Gutenachtgeschichten gehört, aber nicht in die kritische Theorie. Das Perfide ist, dass diese (Design)Gebilde allesamt im Namen von Menschenrechten und Demokratie operieren - während es die Menschenrechte nur auf dem Papier gibt. Die für mich bisher glaubwürdigste Aktion der Unterwanderung und Entschärfung von Empireoperationen hat WikiLeaks als Plattform geboten. Nicht nur dass WikiLeaks Verschlusssachen gehackt, politisch ausgewertet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat; Wikileaks hat sich zudem bisher komplett privat finanziert und von keinen NGOs, Regierungen, Parteien, oder Stiftungen Gelder genommen und sich somit der Korrumpierbarkeit entzogen. (fig.19 – fig. 24)

3.4. Leak – Enttarnung von Simulakren

Das Leaken erlangte im Kreis um Julian Assanges Enthüllungsplattform WikiLeaks im Jahre 2006 die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Ein Leak ist im eigentlichen Sinne ein Loch, eine undichte Stelle, ein Leck. In Bezug auf die Plattform, deren Mitbegründer und Sprecher Julian Assange war, meint Leak Enthüllung und somit Enttarnung von geheimen Dokumenten aus Regierungen und Unternehmen, die konkret kriminelle Handlungen verschlüsselt beinhalten. Mit WikiLeaks wird eine Plattform initiiert, die gehackte Dokumente anonym veröffentlicht. Neu sind hier medienpolitisch zwei Aspekte: zum Einen richten sich die Informationen an ein so genanntes „öffentliches Interesse“, also nicht an eine ausgewählte Klientel, sondern im demokratischen Sinne an das Medienpublikum. WikiLeaks trägt in diesem Sinne das Image des investigativen Online-Journalismus. Zum Anderen werden die im einzelnen veröffentlichten Verschlusssachen anonym gehalten; der Urheber und Autor des Leaks, meist der Hacker, bleibt im Verborgenen.

 

Die Leaks enttarnen bisherige Scoops als Falschmeldungen, und die Dramaturgie von medienpolitischen Plots als False Flag Media Operations, als kriminelle Handlungen unter falscher Flagge. Damit ist beschönigende, euphemistische Propaganda im Namen von Menschenrechten und Demokratie gemeint, die das Medienpublikum gezielt von den eigentlichen Geschäften under cover ablenken und die der französische Philosoph und Medientheoretiker Jean Baudrillard als Simulakrum [54] bezeichnet.

Nach der Zerstörung der Twin-Towers als symbolisches Ereignis höherer Ordnung, schreibt Baudrillard in der „Geist des Terrorismus“ folgendes: „Wie dem auch sei, die Türme selbst sind verschwunden. Sie haben uns aber das Symbol ihres Verschwindens, ihr Verschwinden als Symbol hinterlassen. Von einem Symbol der Weltmacht, als welche sie galten, sind sie, durch den Krach, das Symbol des möglichen, des virtuellen Absturzes dieser Weltmacht geworden. Was später aus dieser Weltmacht auch werden wird, sie wird einmal hier, in diesem Moment, niedergeschlagen worden sein“ [55]. Die Ungeheuerlichkeit des Symbolverlusts der Weltmacht Amerika war bis dahin undenkbar – bis es wirklich passierte. Dieser (Bild)Akt hat nicht nur die amerikanische Autorität erschüttert, sondern ebenso ihre Doktrin der weltweiten Selbstermächtigung, der Immunität und Unantastbarkeit ihrer Weltpolitik. Fünf Jahre später wurde dieser Symbolverlust durch einen weiteren Angriff übertroffen: WikiLeaks. Auf dieser Plattform drang Material in die Öffentlichkeit, von dem keiner zu träumen wagte – es waren die Enthüllungen von Killerstrategien der US-Army im Irak-Krieg, die unter dem Titel „Collateral Murder“ in die Geschichte eingegangen sind. Im Jahr 2010 spielte der US-amerikanische IT-Spezialist und ehemaliger Angehöriger der US-Streitkräfte Bradley Edward Manning WikiLeaks vertrauliche Dokumente zu. Wikipedia schreibt zu der Materialanalyse folgendes: „Zu den von Manning weitergegebenen Videos zählen unter anderem die Videoaufnahmen des Beschusses und Todes irakischer Zivilisten und Journalisten der Nachrichtenagentur Reuters durch einen amerikanischen Kampfhubschrauber am 12. Juli 2007 in Bagdad, die von WikiLeaks unter dem Titel Collateral Murder bearbeitet und veröffentlicht wurden, möglicherweise auch Aufnahmen des Luftangriffes bei Garani am 4. Mai 2009 im Westen Afghanistans.“ [56]. Diese Information haben die Weltöffentlichkeit massiv und nachhaltig schockiert, wie auch gleichzeitig die US-amerikanische Regierung zu Erklärungen aufgefordert [57]. Die Grundlage des Leakens ist das Hacken und somit zeichnet sich die neue Wende im Krieg der Simulakren auf den Propagandaoberflächen der Medien durch ihre Enttarnung und Dekonstruktion auf der IT-Ebene aus. WikiLeaks versteht sich in der Tradition des Whistleblowings. Hierzu gehören aktivistische Plattformen wie Greenpeace und andere OpenLeak Plattformen. Auch der ehemalige technische Mitarbeiter der US-amerikanischen Geheimdienste CIA, NSA und DIA und IT-Spezialist Edward Snowden ist Whistleblower. Er hackte geheimes Material, so u.a. über US-amerikanische Programme zur Überwachung der weltweiten Internetkommunikation (PRISM und Boundless Informant), sowie über das noch umfassendere britische Überwachungsprogramm „Tempora“. Snowden übermittelte diese Informationen an den Guardian-Journalisten Glenn Greenwald, der sie im Juni 2013 ohne Angabe einer Quelle in Teilen veröffentlichte. Die Entwicklung von Snowdens biografischer Geschichte ist Aspekt der jüngsten medienpolitischen Geschichte. Zwischen globaler Heroisierung und globaler Abschiebung lebt der Mann seitdem in Lebensgefahr. In dem Kinofilm Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt [58] wird die Performance von Leak-Plattformen, das Leaken und Hacken, Whistleblowing und investigativer Journalismus, als Taktiken der „fünften Gewalt“ bezeichnet. Das ist ebenfalls symbolisch formuliert, denn offiziell gilt als fünfte Gewalt der Lobbyismus. So gesehen wäre das Leaken und Hacken von mächtigen Komplotts in kriminellem Ausmaß die mögliche „sechste Gewalt“. Alleine dass das Whistleblowing dem Bezirk der Gewaltenteilung zugeschrieben wird, zeigt, in welchem Ausmaß der IT-Guerilla-Krieg mediokratische Operationen zu torpedieren in der Lage ist – oder selbst als mediokratische Operation in Erscheinung tritt, so zum Beispiel als Scoop. (fig. 25- fig.27)

4. Pathogene Effekte

Ein Schock wird in den aktuellen News so hergestellt, indem Scoops, Hypes, Breaks, Leaks und Plots zu einem sinn- und bedeutungslosen Hyper-Simulakrum nahtlos aneinandergereiht, mehrfach überlagert und schließlich in einem Ozean an Advertising und Selbstdesign nullifiziert werden. Die Wertlosigkeit, Herkunftslosigkeit und Geschichtslosigkeit von einer Überdosis an visuellen Spuk, hinterlässt in den Wahrnehmungsordnungen seine Spuren.

Es ist das Anliegen dieses Aufsatzes, die für mediokratische Operationen charakteristischen cut-up-Techniken gepaart mit den Techniken der false flag media operations, als Prekarisierungstechniken zu thematisieren, wie auch die daraus resultierenden pathogenen Effekte wie soziale Anomie, Anästhesierungen und Desorientierungen zu beleuchten. 

Mediokratische Schauräume bestehen nicht nur aus Ketten beliebiger Gewaltbilder. Die Art und Weise, wie Botschaften zueinander in Beziehung gebracht werden, ist bereits eine Gewalttechnik. Dahinter stehen gigantische Mediengeschäfte, denn jeder Hype, jeder Scoop, jeder Leak usw. ist für die jeweilige Mediengesellschaft maximal gewinnbringend. In diesem Kontext schlage ich vor, mediokratische Prekarisierungstechniken als ökonomisierte Gewalttechniken zu bezeichnen, in denen mediale Inhalte zusammenhanglos überlagert und fragmentiert aneinandergereiht werden, um im Mediengeschäft maximale Effekte zu erzielen. Diese Gewalttechniken wirken direkt auf die lymbischen Systeme der Sozialorgane, mit der Konsequenzen ordnungsloser Hyperinformation und pathogener Effekte.

An anderer Stelle habe ich vom Emergency als vom Paradigma der Plötzlichkeit gesprochen. Medialisierte Einbrüche des Katastrophischen erzeugen unterunterbrochen Zonen der Plötzlichkeit, der Alarmbereitschaft, zones of emergency und Zonen der Prekarität, welche die individuellen und kollektiven Wahrnehmungen, sowie die individuellen und kollektiven Selbst- und Weltverhältnisse, in Frage stellen. Sie können auch als mediokratische Schockstrategien bezeichnet werden, denn es ist nicht nur die mediale Plötzlichkeit, sondern das Geschäft, das den Ausnahmezustand voraussetzt.

 

Gegenstrategien diesen Zonen zu entgehen sind oft Konsumstrategien, auch als Fluchtstrategien. Zwischen virtueller Alarmbereitschaft, permanenten Katastrophennachrichten, Werbebotschaften und Konsumrausch, sowie Beschleunigung jeder Art sinkt der Quotient der realen Einschätzbarkeit von Gefahren und die Lokalisierung von Informationen in relevanten Kontexten. Diffuse Ängste, Angst- und Schlafstörungen, Anästhesien, Empfindungslosigkeiten wie Virilio sie nennt, die auch Formen der narzisstischen Persönlichkeitsstörung sein können, wie Selbstüberschätzung und Größenwahn, oder Depressionen und Burn Out sind die Folge. Für die Vielfalt an möglichen Störungen aus mediokratischen Operationen möchte ich den Begriff der dissoziativen Amnesien als Überbegriff von Störungen dieser Art vorschlagen. Pierre Bourdieu spricht wie weiter oben schon erwähnt, bereits 1997 treffend von strukturellen Amnesien [59]. Amnesie [60] bezeichnet eine Form der Gedächtnisstörung für zeitliche oder inhaltliche Erinnerungen, hingegen der Begriff der Dissoziation in der Psychologie die Trennung von Wahrnehmungs- und Gedächtnisinhalten beschreibt, welche normalerweise assoziiert sind. Beides zusammen, also eine dissoziative Amnesie, kann die integrative Funktion des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der Wahrnehmung und der Identifikation beeinträchtigen. Diese Symptomatik kann Wahrnehmungsgemeinschaften und Sozialorganen zugeschrieben werden, die sich den vielschichtigen, oben vorgestellten mediokratischen Oparationen ausliefern. In der heutigen gouvernementalisierten Gesellschaft ist dies der Nutzer, der Kunde, der Selbstunternehmer. 

(fig. 28 – fig. 30)

Besonders empfänglich für mediokratische Operationen und gleichzeitig betroffen von deren Symptomatik ist der flexibilisierte Honorararbeiter in einer Wissensgesellschaft, resp. im kognitiven Kapitalismus, auch als Arbeitskraftunternehmer bezeichnet. Die Soziologen Gerd- Günter Voß und Hans J. Pongratz bezeichnen mit diesem Begriff einen angenommenen Typus von Arbeitskraft, der genötigt ist, mit seiner eigenen Arbeitskraft wie ein Unternehmer umzugehen. Dieser Typus ist der prekarisierte Arbeitskraftnehmer, dessen Unternehmen auf der Basis von Selbstausbeutung, sowie auf den Bedingungen der Flexibilisierung, der Teilzeit- und Projektarbeit beruht. Dieser Typus Selbstunternehmer ist von seiner eigenen Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft abhängig und auf ein maximales Selbstdesign qua Selbstausbeutung angewiesen. An dieser Stelle wird sich der freie Arbeitskraftunternehmer in die Ströme und Kanäle der medialen Selbstdarstellung und Selbstvermarktung einbringen – schließlich um nichts Geringeres als seine Selbstanstellung (Self-Employment) zu garantieren. Spätestens hier wird sich dieser Freelancer mit den Medien-, Werbe- und Nachrichtenbotschaften auseinandersetzen müssen, zumindest diese frequentieren, um seine Chancen auszumessen und seine eigenen Werbestrategien zu entwerfen und zu entfalten. Er wird sich in die Ströme und Kanäle der Simulakren begeben und sich als Simulakrum selbst herstellen, wenn er in der Werbe- und Nachrichtenwelt bestehen, seinen Umsatz einspielen will. Er muss also auch Bereich des Self Recruiting Managements maximale Leistung bringen. Dieser Ausbeutungstypus des kognitiven Kapitalismus gilt wohl als der radikalste, der den Ausbeutungstypus des so genannten Lohnsklaven, von Marx als doppelt freien Lohnarbeiter bezeichnet, längst hinter sich gelassen hat. Im Umgangston spricht man vom Umsatzsoldaten und Selbstdesigner. Ein Umsatzsoldat wird weder an Solidarität, noch an Empathie, oder Loyalität interessiert sein, deshalb gehört er auch zur idealen sozialen Zielgruppe (target group) von mediokratischen Operationen. Folgende Symptomatik unterstützt die These:

 

1. seine besondere Anfälligkeit für pathogene Effekte wie Angst, Hysterie/Paranoia, Depression oder Burn Out.

2. seine permanente Jagd nach durchschlagenden Themen im Wissensmanagement für die Generierung neuer Wissensmärkte und neuer Kunden

3. seine besondere Anfälligkeit sich in einer radikalen Mediokratie aufzulösen, User Gleichschaltungen/ Main Streams

 

Wenn es so ist, dass ökonomische Schockstrategien den rechtsfreien Raum (im juristischen Sinne) zum Ziel haben, so kann im übertragenen Sinn formuliert werden, dass mediokratische Schockstrategien den „entradikalisierten Widerstand“, wie Chantal Mouffe sagt, zur Folge haben, oder die „radikale Mittelmäßigkeit“ auf der Konsumebene, wie es bei Henk Oosterling heißt. Ich würde weiter gehen und behaupten, dass der erzeugte rechtsfreie Raum mediokratischer Schockstrategien eine flächendeckende soziale Wahrnehmungs- und Verhaltens-Anomie, die auch als neuro-soziale Anästhesie bezeichnet werden kann, zum Ziel hat. So zum Beispiel kann sich eine neuro-soziale Anästhesie u.a. in Bystander-Syndromen bemerkbar machen, dem passiven Hingucken bei Gewalthandlungen, sowie in gesteigertem Konsumbedürfnis von Live-Horror, welches die Breaking-News-Live-Ticker-Kultur permanent animiert, wie auch in anderen Handlungs-Unmündigkeiten, die sich u.a. in aufgeheiztem Schwarmverhalten entladen, im Kaufrausch und anderen gleichgeschalteten Wahrnehmungsordnung. Als markantes Beispiel für die hier besprochenen neuro-soziale Anästhesie möchte ich die Ereignisse um das Blair-Witch Project von 1999 anbringen. Dieses 1998 von zwei Filmstudenten der University of Central Florida als Kinoprojekt in Angriff genommene Unternehmen wurde auf mehreren medialen Ebenen inszeniert: einer Horrorfilmebene, einer Dokumentarfilmebene und einer Internetebene, die radikal miteinander vermischt wurden. Fiktive Handlungen, Dokumentarisches aus dem Leben der Schauspieler und Lifetime-Handlungen im Internet, wurden so arrangiert, dass die Handlung als Kriminalfall im Internet auftauchte, noch bevor der Film in die Kinos kam. Bald schon erreichte die Webpräsenz die Eine-Million-Besucher-Marke, der Kinoerfolg des Films schrieb schließlich Geschichte. Die Mischung aus Horror, Fiktion und Realität erzeugte einen neuro-sozialen Thrill, dem sich breiten Mengen nicht mehr entziehen konnten. Die weltweiten Gesamteinnahmen in den Kinos betrugen Ende 1999 über 248 Millionen Dollar und übertrafen die Produktionskosten von 60.000 Dollar um ein Mehrfaches. Dieses gleichzeitige Kino- und Internetphänomen des Blair-Witch Projects führe ich deshalb an, weil an diesem Beispiel das Design mediokratischer Operationen besonders gut deutlich wird. (fig. 31-fig.33) 

5. Prekärsein in der Symptomgesellschaft

Wenn die dissoziative Amnesie ein Gegenwartssymptom aus mediokratischen Operationen ist, dann ist es nicht verwunderlich, dass eine große Mehrheit von jüngeren Generationen ihr eigenes Leben wie ein Blair-Witch Project oder einen CNN Lifebreak inszeniert. Mit endlosen Optionen an Social Media Platforms wie Google, Youtube, oder Facebook, Lifegames auf der Spielkonsole und portablen Embodiment von Empfänger- und Sendeeinrichtungen und entsprechenden Apps (Applications), ist die Wahrnehmungsordnung der Sozialorgane permanent on line und on scene. Das Internet als neues soziales Medium bietet aufgrund von potenzierter Geschwindigkeit und naturgemäßer Virtualität die Gelegenheit für jeden Akteur, seine eigene Real Fiction als Lifeticker und Lifetime-Version zusammenzusetzen. Hierbei ist es unerheblich, in welcher physischen Umgebung sich Akteure befinden, denn diese verschwimmen zu einer hybriden Cyber-Realität, was die Raumortung betrifft und zu einem großen Rauschen, was den Informationsquotienten etwaiger Medien betrifft. Der US-amerikanische Psychologe und Wissenschaftsjournalist Daniel Goleman behauptet in seinem Buch Focus. The Hidden Driver of Excellence [61], dass die neue Technologie unsere Aufmerksamkeit schon so sehr gefangen nimmt, dass sie allmählich unsere Wahrnehmungskondition und unsere sozialen Verbindungen zersetzt. Treffend berichtet Psychologie Heute hierzu folgendes: „So sei schon 2006 das Wort pizzled in das englische Lexikon aufgenommen worden: eine Wortzusammenstellung aus puzzled (verwirrt) und pissed (Slang für: stinkig, sauer): Es beschreibt das Gefühl, das man hat, wenn jemand, mit dem man gerade zusammen ist, plötzlich sein Smartphone herauszieht und mit jemand anderem redet oder simst.“ [62]. Was 2006 noch als verstörend und beleidigend empfunden wurde, ist inzwischen Mainstream. Die intersozialen Interruptionsstrategien werden von Crowds geradezu virtuos bedient. Darüber sind industriefinanzierte Trendscouts begeistert, denn sie entdecken in den Mainstreams immer mehr performative und partizipative Gigs, die sie zu innovativen Usabilities in ihrem Trendbüros und Thinktanks umsetzen. So kann schon an dieser Stelle gefragt werden, ob es nicht industrielle Trends sind, gepaart mit mediokratischen Operationen, die eine Symptomgesellschaft bedingen? Oder nochmals anders herumgefragt – in welchem Ausmaß ist die Symptomgesellschaft das Geschäft der Industrie? Was uns vornehmlich interessiert ist das Verhältnis von mediokratischen Treibern, Inhalationsdrogen und Gleichschaltungseffekten in pathogenen Atmosphären. Design Governance – zu denen, wie schon ausgeführt, mediale Schockstrategien (eingedenk der Breaking News) und neuronale Nebel in öffentlichen und digitalen Räumen zählen – ist Biopolitik auf der Designebene. Auf diese Weise wird Biomasse zur Masse aus Konsumagenten, Nutzern, Trägern, Wählern, Teilnehmern, Protestierenden, Verbrauchern, Angestellten usw., eben zu den Akteuren von Unternehmensbotschaften, zu den zweifelsohne journalistische Botschaften zählen. Die Erzeugung sozialer Anomien und Lagereffekten bedeutet auch gleichzeitig die Verwertung von Anomien und Kollateralschäden in den Industrien des kognitiven Kapitalismus: die Herstellung von pathogenen Atmosphären, sozialen Anomien, ist der einkommensstärkste und profitabelste Markt für: Pharmaindustrie, Medienindustrie, Versicherungen, Banken, Tourismus, Wellness, Hollywood, Psychiatrie u.a. mehr. Dass die intersozialen Verhaltensanomien in einem Ausmaß gravierend sind und die gesellschaftliche Gegenwartssymptomatik beschreibt, zeichnet sich auch an einem anderen Beispiel deutlich ab. Nach den gigantischen Hypes um die NSA-Spähaffäre, in der die deutsche Regierung (angeblich) in eine Opferfalle geriet, ist das gesamte deutsche Volk im Treibsand. Quasi jeder Smartphonebesitzer (vornehmlich iPhone) ist protestwillig und kämpft um seine Integrität, sowie um sein Recht, nicht abgehört zu werden. Doch was für ein Desaster: etwa 50 Millionen Menschen machen mobil gegen den Spion, weil sie denken, dass das, was sie denken, jede Geheimakte sprengt. Sie identifizieren sich mit Julian Assange, Edward Snowden, oder Glenn Greenwald, halten sich für VIPs und wissen doch nicht, dass sie in einer Symtomgesellschaft [63] wie der unsrigen, zu wenig in eigenen Gedankengängen, noch weniger in komplexen Zusammenhängen, und erst recht nicht in gut recherchierten, analytischen und subversiv-kritischen Entwürfen zu denken in der Lage sind. Denn die Mediennutzer leben in einem affizierten Prekärsein [64] in der Symptomgesellschaft, deren spezifisches Symptom sich wie ein Nebel über ihre Sozialorgane legt: dissoziative Amnesie als kollektive Verhaltensanomie. Worum geht es also, wenn 50 Millionen Crowds mobil machen und um ihre Privatsphäre [65] bangen, gegen NSA-Spy protestieren, bloggen und applizieren? In einer mediokratischen Symptomgesellschaft mit einer Skala von 1 bis 100 an in Frage kommenden diagnostischen Zeichen, steht die narzisstische Affizierung als kollektive Gegenwehr an erster Stelle – und als Prekarisierungstechnik. Auch wenn eine skalierte Betrachtung von Prekarität und den entsprechenden gesellschaftlichen Umständen an dieser Stelle angemessen wäre (aus dramaturgischen Gründen nicht weiter ausgeführt werden kann), bleibt doch konklusiv gesehen der Effekt der Prekarität als ein Allgegenwärtiger, in allen Skalen der Symptomgesellschaft und der sozialen Körper. So ist Prekarität, ganz gleich wie Leid oder Tod etwas, von dem jeder betroffen sein kann. Obwohl wir in einer Überflussgesellschaft leben, oder eben gerade deswegen – ist die Prekarität hier das Überflüssigsein in einer dissoziativen Amnesie als kollektive Verhaltensanomie, gegen das sich der kollektive Narzissmus zur Wehr setzt: mit dem Symptom gegen das Symptom. Dies zeichnet das Dasein in den heutigen globalisierten Gesellschaften aus, eben als Prekärsein

 

Der Anfang des Aufsatzes wurde mit dem Begriff Operation Dauerkrise eingeleitet und im prekär-symptomatischen Sinne mit dem Begriff Operation Dauerkontingenz gleichgesetzt, so dass ich den Aufsatz mit folgender Hypothese vorläufig beenden möchte: Es sind mediokratische Operationen, die global gesehen Ströme, Trends und Migrationen verursachen – und Symptome. Bedauerlicherweise kommen die Reisenden nicht an, jedenfalls nicht am Zielpunkt der mediokratischen Ikone, dem Leitbild des Exodus, sondern in der mediokratischen Überflussgesellschaft, in der jedes Geschäft seine Legitimität hat, nur der Mensch überflüssig geworden ist. Nicht allein im postfordistischen Sinne, sondern vielmehr im Sinne des intersozialen Existierens in der Wahrnehmungsgemeinschaft, das sich als ein Prekärsein in der Symptomgesellschaft auszeichnet.

Bildunterschrift:

Darstellung, in der sichtbar wird, wie mediokratische Operationen, oder mediokratische Regierungstechniken, in ein komplexes Gebilde eingebettet sind.

Sie sehen hier verschiedenen Konnexionen zwischen Governance und Prekarität:

1. zwischen Design Industries und Nachrichten Industrien, die sich in SMN überlagern

2. zwischen den verschiedenen Rollen, die Akteure darin einnehmen

3. zwischen den Verkauf-Euphemismen (Verkaufsoberflächen) und den permanenten Krisen- und Katastrophenmeldungen

Die eigentliche Prekarität sehe ich zwischen den antagonistischen Friktionen, die diese Konnexionen herstellen mitsamt den pathogenen Effekten (Symptome) wie Bodenlosigkeit, Orientierungslosigkeit, Hoffnungslosigkeit... usw., die im Text als Dauerkontingenz bezeichnet werden und von Judith Butler als Prekärsein (anstatt Dasein) definiert werden

Literatur

[1] Peter Sloterdijk, Du musst dein Leben ändern. Über Anthropotechnik, Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2009, S. 706

 

[2] Hat die Pharmaindustrie die Schweinegrippepanik mit Zahlungen an Wissenschaftler geschürt? Drei Seuchenexperten der Weltgesundheitsorganisation haben Geld von Konzernen erhalten. Jetzt verteidigt sich die WHO in einem offenen Brief – für Transparenz sorgt sie damit aber nicht, http://www.spiegel.de/thema/schweinegrippe [Stand vom 28. Februar 2014]

 

[3] „Bilanz der BP-Ölpest, 4,1 Millionen Fass Öl im Golf von Mexiko ausgelaufen“, Neue Zürcher Zeitung, 4.8.2010, (4,1 Mio Fass entsprechen 560.000 Tonnen)

 

[4] Franz Sommerfeld, „Die neuen Sozialliberalen. Peter Sloterdijks Fragen nach den ethischen Grundlagen des Sozialstaates sollte man nicht mit überlebten Antworten abwürgen“, Berliner Zeitung, 12.11.2009

 

[5] Dirk Baecker, „Der Spekulant ist der Anarchist der Gegenwart“, Berliner Zeitung, 21.5.2010

 

[6] Der Bundespräsident a.D. Horst Köhler tritt am 31.5.2010 mit sofortiger Wirkung unerwartet und spontan von seinem Amt zurück. Als Grund wird seine Äußerung zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr angegeben, dass dieser wirtschaftlichen Interessen diene. Das besagte Statement Köhlers wurde im Deutschlandradio gesendet, wodurch dieser sich einer kritischen Front stellen mussten. Linkspartei-Chef Klaus Ernst jedoch dementierte: „Köhler hat offen gesagt, was nicht zu leugnen ist.“, Berliner Zeitung, 28.5.2010

 

[7] Peter Sloterdijk, Luftbeben. An den Quellen des Terrors, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2002

 

[8] Anleitung für Kompanieführer, Gedruckt in der Reichsdruckerei, Berlin 1917, PDF-Dokument unter: http://www.erster-weltkrieg.net/deutschland/heer/kompaniefuehrer_merkblatt1.htm [Stand vom 28. Februar 2013]

 

[9] „Operation Top Kill“, Methode zur Abdichtung des defekten Bohrlochs vor der Südküste der USA, verursacht durch den Energiekonzern BP mit Hauptsitz in London. Seit dem 20.4.2010 treten aufgrund einer Explosion auf der Bohrplattform Deepwater Horizon täglich 95.000 Barrel (15.100.000 Liter) Öl aus. Die Umweltkatastrophe bleibt bis jetzt vom Internationalen Gerichtshof, vor allem vom US-Justizministerium ohne ernsthafte Strafverfolgung, ohne folgenschwere Abfindungsleistungen durch BP und ohne angemessene Entschädigung von Mensch und Natur in den betroffenen Regionen. Stattdessen wird BP als „Opfer“ medialisiert, auch als Mediator, denn bei der Behebung der Katastrophe kommen ca. 30.800 Mitarbeiter, mehr als 5.050 Schiffe und Boote sowie mehrere Dutzend Flugzeuge zum Einsatz.

 

[10] Nachdem die „Operation Top Kill“ scheiterte, wurde zur nächsten Option, „Static Kill“, übergegangen. Am 10.8.2010 konnte das Bohrloch in 1500 Meter Tiefe gestopft werden, nachdem 15 Wochen lang unablässig Öl in Meer und Küstenregionen ausgetreten sind.

 

[11] Cell Cept, Medikament des Schweizer Pharmakonzerns Roche, dass die Organabstoßung bei Transplantationen verhindern soll. Der Konzern führte seine Forschung mit mehr als 300 Organen von hingerichteten Gefangenen aus China durch. Vgl. Neues Deutschland, 28.1.2010

 

[12] „FFF steht für ‚find, fix and finish‘“, ein Auftragskürzel der CIA, in: „CIA wollte Terrorverdächtigen in Hamburg töten“, Die Welt, 5.1.2010

 

[13] Josef Fritzl, österreichischer Psychopath. Er hielt seine 1966 geborene Tochter 24 Jahre in einer Kellerwohnung unterhalb seines Hauses im niederösterreichischen Amstetten gefangen und vergewaltigte sie vielfach. Die Aufdeckung des Fall 2008 sorgte für einen sensationellen Medien-Hype und zu einer medialen Verklärung Josef Fitzls und einem Wikipedia-Eintrag.

 

[14] Axolotl Roadkill, Roman von Helene Hegemann. Das Roman-Debüt im Ullstein Verlag 2010 wurde von einem sensationeller Medien-Hype begleite. Darauf folgte ein sensationeller Verriss der Autorin und des Werkes, aufgrund augenscheinlicher Plagiaterie. In der vierten Auflage des Romans wurde ein Quellennachweis beigefügt, der die Zitate aus Werken von Airen, Kathy Acker, David Foster Wallace, Rainald Goetz, Valérie Valère und anderen detailliert aufführt. Mittlerweile teilt der Ullstein Verlag offiziell mit, dass der von Hegemann stellenweise zitierte Blogger-Roman Strobo im Herbst 2010 als Taschenbuch bei Ullstein erschienen ist.

 

[15] „Tina“ steht für „there is no alternative“, in: „Tina macht Politik. Und was macht Merkel?“, Süddeutsche Zeitung, 18.5.2010. Dies betrifft u.a. das Fehlen von Entscheidungen in Bezug auf die öffentliche Hinrichtung von Marwa el-Sherbini am 1.7.2009 im Saal des Dresdner Landgerichts.

 

[16] „Lena“ steht für Lena Meyer-Landrut, eine deutsche Sängerin, die mit dem Lied „Satellite“ den Eurovision Song Contest 2010 in Oslo gewann und kurzfristig für eine neue „Schland-Euphorie“ sorgte.

 

[17] „Elena“ steht für ein neues Datengesetz, den „Elektronischen Entgeltnachweis“. Das entsprechende Gesetz verpflichtet die Arbeitgeber, umfangreiche Daten über rund 40 Millionen Beschäftigte an eine Zentralstelle zu melden. Vgl. Die Welt, 5.1.2010

 

[18] Yasmin, Verhütungspille des Pharmakonzern Bayer, die in verschiedenen Fällen zu Blutgerinnungen und Embolien mit tödlichen Folgen führte.

 

[19] Lynndie England, Soldatin der US-Army, wurde im Zusammenhang mit dem Abu-Ghuraib-Folterskandal während des Irak-Kriegs bekannt. Im Mai 2004 gelangten Berichte und Fotos in die Medien, die belegten, dass US-amerikanische Militär- und Geheimdienstmitarbeiter Gefangene in dem Abu-Ghuraib-Gefängnis nahe Bagdad gefoltert hatten. England, die auf den Fotos in eindeutigen Positionen zu sehen ist, wurde wegen Kriegsverbrechen angeklagt und inhaftiert. Allerdings erlangte sie zwischen 2004 und 2006 einen Topmedienstatus, wie auch einen Eintrag bei Wikipedia.

 

[20] Das Topmodel Naomi Campbell sorgt nicht nur mit ihren Schlägereien und ihrer Beziehung zu dem russischen Oligarchen Doronin für Schlagzeilen, sondern neuerdings auch mit dem Besitz von sogenannten „Blut-Diamanten“, die der liberianische Ex-Präsident der Britin geschenkt haben soll. Die „Blut-Diamanten“ waren der Gegenwert für Waffen, die der liberianische Präsident Taylor während des Bürgerkriegs in Sierra Leona, geliefert hat. Dadurch gehen etwa 120 000 Menschenleben, die der Krieg gekostet hat, auch zu seinen Lasten.

 

[21] Lothar, Wirbelsturm über West- und Mitteleuropa im Dezember 1999, der vor allem in Nordfrankreich, der Schweiz, Süddeutschland und Österreich die höchsten Sturmschäden der jüngeren europäischen Geschichte anrichtete

 

[22] Kyrill, Orkan über Mitteleuropa im Januar 2007, der die größten Schäden in Deutschland hinterließ

 

[23] Katrina, Hurrikan im August 2005 im Südosten der USA. Zu den betroffenen Bundesstaaten gehörten Florida, Louisiana (besonders der Großraum New Orleans), Mississippi, Alabama und Georgia

 

[24] Yana Milev, Emergency Empire – Souveränität. Transformation des Ausnahmezustands, Springer Wien New York, 2009

 

[25] Eine Metanoia des Krisenbegriffs wird an anderer Stelle, im Essay „Be Crisis!“ ausgearbeitet, welcher 2014 ebenfalls bei MERVE erscheinen wird

 

[26] Hierbei bezieht sich der Kontingenzbegriff auf die Prekaritäts-Theorie bei Isabelle Lorey,

Vgl. Isabel Lorey, Die Regierung des Prekären, Wien: Turia+Kant 2012

 

[27] Carl Schmitt, Politische Theologie, Berlin: Duncker&Humblot 1990

 

[28] Yana Milev, a.a.O.

 

[29] Quelle Wikipedia: In der ersten Ausgabe der in Lyon erschienenen Tageszeitung „Le Salut Public” (dt. Das öffentliche Heil) vom Montag, 13. März 1848 heißt es in eigener Sache: „Die Presse, plötzlich befreit von ihren Fesseln, die ihre Handlungsfreiheit einschränkten und ihren Aufschwung aufhielten, erlangt heute eine unerwartete Autorität und einen unerwarteten Einfluss.“ Die Presse nehme das Erbe der drei anderen Staatsgewalten an, zu deren Zerstörung sie beigetragen hat. – Vgl. die Einträge Februarrevolution 1848“ und „Zweite Französische Republik“ [Stand vom 24. Januar 2014]

 

[30] Thomas Meyer: Mediokratie, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001

 

[31] Paul Virilio, „Die vierte Front“, in: ders., Krieg und Fernsehen, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1997

 

[32] Michel Foucault, Vom Licht des Krieges zur Geburt der Geschichte, Berlin: Merve 1986

 

[33] ebd., S. 10

 

[34] Gerald Hüther, Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2004, S. 18

 

[35] Vgl. Pierre Bourdieu, „Prekarität ist überall“, in: ders. Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion, hg. v. Franz Schultheis, Konstanz: UVK 1998, S. 77 ff

 

[36] ebd., S. 82

 

[37] ebd., S. 83

 

[38] ebd., S. 83

 

[39] Vgl., Lars Clausen, Elke M. Geenen, Elísio Macamo (Hg.), Entsetzliche soziale Prozesse. Theorie und Empirie der Katastrophen, Münster: LIT-Verlag 2003

 

[40] Pierre Bourdieu, Prekarität ist überall, in: ders. Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion, Hrsg. Franz Schultheis, UVK Universitätsverlag Konstanz, 1998, S. 84

 

[41] Naomi Klein, Die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus; Frankfurt am Main: S. Fischer, 2007

 

[42] „25 Jahre CNN. Wir werden erst abschalten, wenn die Welt untergeht“, Spiegel Online, http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/25-jahre-cnn-wir-werden-erst-abschalten-wenn-die-welt-untergeht-a-357659.html

[Stand vom 31. Januar 2014]

 

[43] Paul Virilio, Krieg und Fernsehen, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1997

 

[44] Luc Boltanski, Ève Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz: UVK 2003

 

[45] Naomi Klein, No Logo! – der Kampf der Global Players um Marktmacht – ein Spiel mit vielen Verlierern und wenigen Gewinnern, München: Riemann 2001

 

[46] Walter Benjamin, „Kapitalismus als Religion“, in: ders., Gesammelte Schriften, hg. v. Rolf Tiedmann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1985, S. 100–103

 

[47] Der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi ruft zum „heiligen Krieg“ gegen die Schweiz auf, Tages-Anzeiger, 27.2.2010

 

[48] http://kwikwee.com/2012/08/03/aline-skaff-wife-of-hannibal-gaddafi-is-the-most-evil-women-in-the-world [Stand vom 28. Februar 2014]

 

[49] http://www.crethiplethi.com/wikileaks-swiss-president-merz-apologizes-to-libya-for-hannibal-gaddafi-arrest/islamic-countries/libya-islamic-countries/2011 [Stand vom 28. Februar 2014]

 

[50] Peer Teuwsen, „Eine kleine Frechheit. Die Schweiz setzt Roman Polanski auf freien Fuß. Nach zehn Monaten. Denn jetzt kann sie es sich leisten“,Die Zeit, 15.7.2010

 

[51] Liste der von EU-Sanktionen gegen Libyen 2011 betroffenen Personen und Institutionen, Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_von_EU-Sanktionen_gegen_Libyen_2011_betroffenen_Personen_und_Institutionen [Stand vom 28. Februar 2014]

 

[52] Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=9RC1Mepk_Sw [Stand vom 2. Februar 2014]

 

[53] vgl.: „Bundesanwalt ergreift die Flucht nach vorn“, Neue Zürcher Zeitung, 1.2.2014

 

[54] Jean Baudrillard, Der symbolische Tausch und der Tod, Berlin: Matthes & Seitz 2010

 

[55] ebd., S. 43

 

[56] Wikipedia: Luftangriffe in Bagdad vom 12. Juli 2007, http://de.wikipedia.org/wiki/Collateral_Murder [Stand vom 5. Februar 2014]

 

[57] Marian Wang, Video of Journalists’ Death Answers Some Questions, but Raises Others, http://www.propublica.org/blog/item/wikileaks-reuters-baghdad-shooting, ProPublica, 6. April 2010, 3:53 p.m. [Stand vom 18. Februar 2014]

 

[58] Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt, USA, Regie; Bill Condon, Constantin Film 2013

 

[59] Pierre Bourdieu, „Fernsehen, Journalismus, Politik“, in: ders.: Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion, Konstanz: UVK 1998, S.83

 

[60] Amnesie von griech. a „ohne“, „nicht“ und μνήμη mnémē „Gedächtnis“, „Erinnerung“

 

[61] Daniel Goleman, Focus. The Hidden Driver of Excellence, New York: Harper Collins 2013

 

[62] Heiko Ernst, „Konzentrieren Sie sich!“, Psychologie Heute, Februar 2014, S. 20ff

 

[63] Typen der Symptomgesellschaft, die in der letzten Dekade die diskursive Literatur erobert haben: Überforderungsgesellschaft (Sloterdijk 2009), Leistungsgesellschaft (Distelhorst 2014), Wettbewerbsgesellschaft ( Neckel, Wagner 2013), Überflussgesellschaft (Galbrait 1958); Gesellschaft der Überflüssigen (Bude, Willisch 2007), Müdigkeitsgesellschaft (Han 2010), Übermüdungsgesellschaft (von der Weiden 2014), Angstgesellschaft (Koch 2013), Depressive Gesellschaft (Ehrenberg 2004), Narzisstische Gesellschaft (Maaz 2012), Burnout-Gesellschaft (Leibovici-Mühlberger 2013), Risikogesellschaft (Beck 1986), Weltrisikogesellschaft (Beck 2007), Konsum- und Markengesellschaft (Klein 2002, Hellmann 2013),Waren- und Wegwerfgesellschaft (Haug 1971, Kurz 2011), Überwachungsgesellschaft (Foucault 1975, Trojanow, Zeh 2010), Katastrophengesellschaft (Teusch 2008), Prekarisierungsgesellschaft (Marchart 2013), u.a.m., In: Yana Milev, Prekärsein in der Symptomgesellschaft, Antrittsvorlesung Universität St. Gallen, 2016.

 

[64] Nils Zurawski, „Die Privatsphäre ist nicht überflüssig“, Zeit Online, 5.11. 2013, http://www.zeit.de/politik/2013-11/ueberwachung-internet-telefon-gleichgueltigkeit-nsa/komplettansicht [Stand vom 3. Januar 2014]

 

 

[65] Den Begriff des Prekärseins entwirft Judith Butler in ihrem Buch The Frames of War als Precariousness; vgl. Judith Butler, The Frames of war. When Is Life Grievable?, London, New York: Verso 2009

 

Zitierweise:

Yana Milev, Prekärsein in der Symptomgesellschaft, in: Yana Milev Online Blog, https://www.yanamilev.ch/prekaersein-in-der-symptom-gesellschaft /, 08. April 2016.


Yana Milev ist Kulturphilosophin, Soziologin und Ethnografin. 2016 hielt sie als Privatdozentin für Kultursoziologie der Universität St. Gallen (HSG) ihre Antrittsvorlesung mit dem Titel «Prekärsein in der Symptomgesellschaft».

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